Seefahrt

Johann Wolfgang von Goethe

1832

Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet; Günstger Winde harrend, saß mit treuen Freunden, Mir Geduld und guten Mut erzechend, Ich im Hafen.

Und sie waren doppelt ungeduldig: Gerne gönnen wir die schnellste Reise, Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle Wartet drüben in den Welten deiner, Wird Rückkehrendem in unsern Armen Lieb und Preis dir.

Und am frühen Morgen wards Getümmel, Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose, Alles wimmelt, alles lebet, webet, Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blühen in dem Hauche, Und die Sonne lockt mit Feuerliebe; Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, Jauchzen an dem Ufer alle Freunde Hoffnungslieder nach, im Freudetaumel Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens, Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, Und er scheint sich ihnen hinzugeben, Strebet leise sie zu überlisten, Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne Kündet leise-wandelnd sich der Sturm an, Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder; Und er kommt. Vor seinem starren Wüten Streckt der Schiffer klug die Segel nieder, Mit dem angsterfüllten Balle spielen Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen: Ach, warum ist er nicht hier geblieben! Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke! Soll der Gute so zugrunde gehen? Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!

Doch er stehet männlich an dem Steuer: Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen. Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe Und vertrauet, scheiternd oder landend, Seinen Göttern.

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Illustration zu Seefahrt

Interpretation

Das Gedicht "Seefahrt" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die Reise eines Schiffes und die damit verbundenen Hoffnungen, Ängste und Herausforderungen. Es beginnt mit der Vorfreude und Ungeduld der Freunde, die auf eine schnelle und erfolgreiche Reise hoffen. Die Atmosphäre ist voller Erwartung und Aufbruchsstimmung, als das Schiff schließlich in See sticht. Die Reise beginnt vielversprechend, doch bald treten unvorhergesehene Widrigkeiten auf. Wechselnde Winde treiben das Schiff von seinem Kurs ab, was die Unberechenbarkeit des Lebens symbolisiert. Trotz dieser Abweichungen bleibt der Reisende seinem Ziel treu und versucht, die Hindernisse zu überlisten, was seine Entschlossenheit und Anpassungsfähigkeit zeigt. Ein schwerer Sturm bricht aus, der Angst und Verzweiflung bei den Zurückgebliebenen auslöst. Während diese den Verlust des Reisenden befürchten, behält dieser am Steuer die Kontrolle. Er lässt sich von den stürmischen Elementen nicht beirren und blickt mit Vertrauen in seine Götter auf die Tiefe. Das Gedicht endet mit der Botschaft, dass Mut und Glaube einem helfen, selbst in den schwierigsten Zeiten standhaft zu bleiben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen
Personifikation
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe