Seefahrers Abschied

Wilhelm Müller

1823

Die du fliegst in hohen Lüften, Kleine Schwalbe, komm herab, Weil ich dir ein Wort im Stillen Unten zu vertrauen hab. Sollst mir eine Feder schenken Aus den schwarzen Flügeln dein, Will an meine Liebe schreiben: Herz, es muß geschieden sein!

Morgen fahr ich auf dem Meere, Wind und Woge weiß, wohin, Und es fragen mich die Freunde, Was ich doch so traurig bin. Aber Wind und Woge sprechen Viel von Unbeständigkeit, Und der Sklave singt zum Ruder: “Mächtig, mächtig ist die Zeit!”

Gott, und soll ich untergehen, Sei es in dem tiefen Meer, Nur nicht in der Liebsten Herze, Wo ich gern geborgen wär. In dem stillen klaren Spiegel Male sich mein treues Bild, Wann um mich in Ungewittern Die empörte Woge schwillt.

Liebe, sieh, wie Well auf Welle Ringt nach dem ersehnten Strand: Aber manche wird verschlungen, Eh sie küßt das grüne Land. Wenn du an dem Ufer wandelst, Hüpft die Flut nach deinem Fuß: Wogen hab ich nur und Winde, Dir zu schicken meinen Gruß.

Wann die fernen Höhen dämmern, Jauchzet alles nach dem Land: Nur zwei müde Augen bleiben Still dem Meere zugewandt. Wann die Segel wieder glänzen, Wann die Winde heimwärts wehn, Laß mich auf dem Maste sitzen: Liebe kann durch Wolken sehn.

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Illustration zu Seefahrers Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Seefahrers Abschied" von Wilhelm Müller handelt von einem Seefahrer, der Abschied von seiner Geliebten nehmen muss und auf eine lange Reise aufbricht. Der Seefahrer bittet eine Schwalbe, ihm eine Feder zu schenken, um seiner Liebe zu schreiben, dass sie sich trennen müssen. Er beschreibt seine bevorstehende Reise auf dem Meer, wo er Wind und Welle ausgesetzt ist und von seinen Freunden nach seiner Traurigkeit gefragt wird. Der Seefahrer fürchtet, in den Tiefen des Meeres zu untergehen, aber nicht in das Herz seiner Geliebten, wo er sich geborgen fühlen würde. Er bittet sie, sein treues Bild in einem klaren Spiegel zu malen, wenn er in stürmischen Zeiten auf dem Meer ist. Das Gedicht beschreibt auch die Sehnsucht des Seefahrers nach seiner Geliebten. Er vergleicht seine Liebe mit den Wellen, die sich nach dem Ufer sehnen, aber viele werden verschlungen, bevor sie das grüne Land erreichen. Wenn seine Geliebte am Ufer wandelt, hüpft die Flut nach ihrem Fuß, und er kann ihr nur Wellen und Winde schicken, um seinen Gruß zu übermitteln. Der Seefahrer bleibt mit müden Augen dem Meer zugewandt, während alle anderen sich nach dem Land sehnen. Er bittet darum, auf dem Mast sitzen zu dürfen, wenn die Segel wieder glänzen und die Winde heimwärts wehen, da die Liebe durch Wolken sehen kann. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Gefühle von Abschied, Sehnsucht und Unsicherheit des Seefahrers. Es thematisiert die Unbeständigkeit des Lebens und die Hoffnung, dass die Liebe trotz der räumlichen Trennung bestehen bleibt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Apostrophe
Die du fliegst in hohen Lüften, Kleine Schwalbe, komm herab
Hyperbel
Mächtig, mächtig ist die Zeit!
Metapher
Wogen hab ich nur und Winde, Dir zu schicken meinen Gruß
Personifikation
Jauchzet alles nach dem Land
Vergleich
wie Well auf Welle Ringt nach dem ersehnten Strand