Schwüle
1898Trüb verglomm der schwüle Sommertag, Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag - Sterne, Sterne - Abend ist es ja - Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang! Schilf, was flüsterst du so frech und bang? Fern der Himmel und die Tiefe nah - Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Eine liebe, liebe Stimme ruft Mich beständig aus der Wassergruft - Weg, Gespenst, das oft ich winken sah! Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?
Endlich, endlich durch das Dunkel bricht - Es war Zeit! - ein schwaches Flimmerlicht - Denn ich wußte nicht, wie mir geschah. Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah.
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Interpretation
Das Gedicht "Schwüle" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der Ankunft der Sterne an einem schwülen Sommerabend. Die Stimmung ist von dumpfer Schwermut und einer unbestimmten Bedrohung geprägt. Das Ich fühlt sich in seiner Umgebung gefangen und sehnt sich nach dem Trost und der Orientierung, die ihm die Sterne spenden könnten. Die wiederholte Frage "Sterne, warum seid ihr noch nicht da?" unterstreicht die Ungeduld und das Verlangen des Ichs. Die Umgebung wird als bleich und bedrohlich beschrieben, das Leben erscheint farblos und der Felsenhang wirkt leblos. Das Flüstern des Schilfs wird als frech und bang empfunden, was die Unsicherheit des Ichs verstärkt. Der Himmel wirkt fern und die Tiefe nah, was eine bedrückende Atmosphäre schafft. Eine geheimnisvolle Stimme ruft das Ich aus der "Wassergruft", was auf eine Art Gefangenschaft oder Todesnähe hindeutet. Das Ich weist ein Gespenst, das es oft winken sah, zurück und sehnt sich weiterhin nach den Sternen. Schließlich bricht ein schwaches Flimmerlicht durch die Dunkelheit, was Erleichterung und Trost spendet. Das Ich bittet die Sterne, ihm immer nah zu bleiben, da es ohne sie nicht wusste, wie ihm geschah. Die Sterne symbolisieren in diesem Gedicht Hoffnung, Orientierung und Geborgenheit in einer bedrohlichen und ungewissen Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!
- Anapher
- Sterne, Sterne - Abend ist es ja - Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
- Interjektion
- Es war Zeit!
- Kontrast
- Fern der Himmel und die Tiefe nah
- Metapher
- Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!
- Personifikation
- Schilf, was flüsterst du so frech und bang?