Schwermut

Sophie Friederike Brentano

1770

Abenddämmrung liegt auf meinem Garten – Und ich blicke mit bewölktem Sinn, Meinen müden Kopf gelehnt am harten Fensterrahmen, wie auf Gräber hin.

Und die Geister meiner schönen Stunden Gehen vorüber, mit gesenktem Blick. Ach! Schon sind sie fern dahingeschwunden – Ich allein blieb sehnsuchtsvoll zurück.

Mondenschimmer, deine Strahlen kränzen Meine Stirn nicht mit Beruhigung! – Alle meine Freuden, alle, glänzen Nur im Schimmer der Erinnerung.

Glück des Lebens! – wer dich fand, der lerne Dich entbehren: denn so schnell entweicht Nicht im Sturm die Wolke, die jetzt ferne Scheint, jetzt da ist, jetzt dem Aug entfleucht!

Wo, wo ist Genuß? – in Phantasien Künft’ger Freuden? – Kalte Wirklichkeit Zwingt des Herzens holden Wahn zu fliehen, und verhüllt die ferne Seligkeit.

Gegenart! – ach, meine Blicke finden Keine Blüten! – Nimm die Huldigung, Du – ich will mir welke Kränze winden – Himmelstochter, o Erinnerung!

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Illustration zu Schwermut

Interpretation

Das Gedicht "Schwermut" von Sophie Friederike Brentano beschreibt eine melancholische Stimmung, die von der Abenddämmerung im Garten des lyrischen Ichs ausgeht. Die Protagonistin blickt mit einem trüben Gemüt aus dem Fenster, wobei ihr müder Kopf an den harten Fensterrahmen gelehnt ist, als würde sie auf Gräber schauen. Die Geister vergangener schöner Stunden ziehen vorüber, mit gesenktem Blick, und sind bereits weit entfernt. Die Protagonistin bleibt allein zurück, erfüllt von Sehnsucht. Die Mondenscheinstrahlen kränzen zwar ihre Stirn, doch bringen sie keine Beruhigung. Alle Freuden der Protagonistin leuchten nur im Schimmer der Erinnerung. Das Glück des Lebens wird als etwas beschrieben, das schnell entweicht, wie eine Wolke, die im Sturm davonzieht. Die Wirklichkeit zwingt das Herz, den Wahn zukünftiger Freuden zu fliehen und die ferne Seligkeit zu verhüllen. Die Protagonistin sucht nach Genuss, sei es in Phantasien zukünftiger Freuden oder in der kalten Wirklichkeit. Doch findet sie keine Blüten, keine Quelle des Glücks. Stattdessen windet sie welke Kränze und widmet ihre Huldigung der Erinnerung, der Himmelstochter. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie und die Erkenntnis, dass das Glück des Lebens vergänglich ist und in der Erinnerung verblasst.

Schlüsselwörter

blicke alle freuden erinnerung ferne abenddämmrung liegt garten

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Alle meine Freuden, alle, glänzen
Kontrast
Kalte Wirklichkeit Zwingt des Herzens holden Wahn zu fliehen
Metapher
Wie auf Gräber hin
Metonymie
Himmelstochter, o Erinnerung