Schwerer Abend
1914Die Tore aller Himmel stehen hoch dem Dunkel offen, Das lautlos einströmt, wie in bodenlosen Trichter Land niederreißend. Schatten treten dichter Aus lockren Poren nachtgefüllter Schollen. Die Pappeln, die noch kaum von Sonne troffen, Sind stumpf wie schwarze Kreuzesstämme übers Land geschlagen. Die Acker wachsen grau und drohend – Ebenen trüber Schlacke. Nacht wirbelt aus den Wolkengruben, über die die Stöße rollen Schon kühler Winde, und im dämmrigen Gezacke Hellgrüner Weidenbüschel, drin es rastend sich und röchelnd eingeschlagen, Verglast das letzte Licht.
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Interpretation
Das Gedicht "Schwerer Abend" von Ernst Stadler beschreibt einen bedrohlichen Übergang vom Tag zur Nacht. Die Himmelstore stehen weit offen für die hereinbrechende Dunkelheit, die lautlos und bodenlos wie ein Trichter in die Landschaft strömt. Die Schatten treten dichter aus den "lockern Poren nachtgefüllter Schollen", was auf eine fast physische Präsenz der Dunkelheit hindeutet. Die Pappeln, die noch nicht von der Sonne getrocknet wurden, werden als "schwarze Kreuzesstämme" beschrieben, die stumpf über das Land geschlagen sind. Die Felder wachsen grau und bedrohlich, verglichen mit trüben Schlacke-Ebenen. Die Nacht wirbelt aus den Wolken, und kühle Winde rollen über die Landschaft. Im dämmrigen Licht werden die hellgrünen Weidenbüschel als letzte Zuflucht für das verglaste, letzte Licht beschrieben. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre der Bedrohung und des Untergangs, wobei die Natur als bedrohlich und fast lebendig dargestellt wird. Die Sprache ist bildhaft und metaphorisch, mit einer starken Betonung auf Dunkelheit, Schatten und Kälte. Das Gedicht endet mit dem Bild des verglasten, letzten Lichts in den Weidenbüscheln, was auf das endgültige Erlöschen des Tages hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- lockren Poren nachtgefüllter Schollen
- Bildsprache
- Die Acker wachsen grau und drohend – Ebenen trüber Schlacke
- Enjambement
- Die Pappeln, die noch kaum von Sonne troffen, / Sind stumpf wie schwarze Kreuzesstämme übers Land geschlagen
- Metapher
- Die Tore aller Himmel stehen hoch dem Dunkel offen
- Personifikation
- Nacht wirbelt aus den Wolkengruben
- Vergleich
- Die Pappeln, die noch kaum von Sonne troffen, / Sind stumpf wie schwarze Kreuzesstämme übers Land geschlagen