Schwere Wahl
1790Die Frauen hab’ ich aufgegeben, ’s ist ein betrügliches Geschlecht; Zwar läßt sich’s süß mit ihnen leben, Doch lieben muß man keine recht.
Und seit ich’s so mit ihnen halte, Sind sie mir mehr als je geneigt; Ich weiß gewiß, wär’ ich der Alte, Sie hätten bald sich hart gezeigt.
Zwar freilich, wenn ich Eine fände, Wie sie mein Herz im Traume sieht, Wenn sie mir so vor Augen stände, Wie sie dem Geist vorüber zieht;
Ein Herz, zu fühlen, was im Herzen Des unruhvollsten Busens glüht, Ein Herz, das selbst vertraut mit Schmerzen, Weich rühret an ein wund Gemüth!
Ein Geist, der lichte Funken sprühet, Wenn ihm das Herrliche erregt, Und der, wo meine Seele glühet, In gleichem Fluge sich bewegt;
Und eine Hand, die hold mir schmeichelt, Wenn mich ein wilder Strom ergreift; Die lind an meiner Seele streichelt, Wenn sie oft nah am Abgrund schweift;
Die mich erkennt mit allen Fehlen, Und doch mein wahrstes Wesen ehrt; Der nichts ich hätte zu verhehlen, Und der ich selbst mit Fehlern werth.
Sie könnte Vieles schön entfalten, Das dämmernd sich im Busen wiegt, Und manches wieder neu gestalten, Das mir nur fern wie Träume liegt.
Die Strenge macht mich widerstreiten, Und selbst für gute Absicht blind; Doch leicht kann mich die Liebe leiten, Und sanft berührt bin ich ein Kind!
Könnt’ ich ein solches Wesen finden, Ich hielt’ es wie mein Auge werth; Sie sollt’ in jedem Hauch empfinden, Wie sie mein tiefstes Herz verehrt!
In jedem Pulse sollt’ ihr’s schlagen, Wie ganz sie meine Seele liebt, Und Wonnethränen sollten’s sagen, Ob’s eine solche Frau wohl giebt?
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Interpretation
Das Gedicht "Schwere Wahl" von Joseph Christian von Zedlitz beschäftigt sich mit den ambivalenten Gefühlen des lyrischen Ichs gegenüber Frauen und der Liebe. Zunächst schildert der Sprecher seine Enttäuschung und Skepsis gegenüber dem weiblichen Geschlecht, das er als "betrügliches" und unberechenbares Wesen wahrnimmt. Dennoch gesteht er ein, dass das Leben mit Frauen angenehm sein kann, solange man sich nicht zu sehr emotional bindet. In den folgenden Strophen zeichnet das lyrische Ich das ideale Bild einer Frau, die all seine Sehnsüchte und Wünsche erfüllen könnte. Diese vorgestellte Frau soll ein tiefes Verständnis für seine Gefühle haben, geistig auf einer Ebene mit ihm sein und ihn trotz seiner Fehler bedingungslos lieben. Sie soll in der Lage sein, seine verborgenen Gedanken und Träume zu erkennen und zu schätzen, und ihn mit ihrer Liebe sanft leiten können. Das Gedicht endet mit einer Frage, die die Unsicherheit und die Zweifel des lyrischen Ichs unterstreicht. Es fragt sich, ob eine solche ideale Frau überhaupt existiert und ob es sich lohnt, nach ihr zu suchen. Die abschließende Frage "Ob's eine solche Frau wohl giebt?" lässt den Leser über die Möglichkeit wahrer Liebe und die Suche nach dem perfekten Partner nachdenken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Ein Geist, der lichte Funken sprühet
- Metapher
- In jedem Pulse sollt' ihr's schlagen
- Personifikation
- Ein Herz, zu fühlen, was im Herzen Des unruhvollsten Busens glüht
- Rhetorische Frage
- Ob's eine solche Frau wohl giebt?