Schwarze Visionen

Georg Heym

1911

An eine imaginäre Geliebte

Du ruhst im Dunkel trauriger Askesen In deinem weißen Tuch, ein Eremit, Und deine Locken, die in Nacht verwesen, Bedecken tief dein eingesunknes Lid.

Auf deinen Lippen gruben sich die Male Der toten Küsse schon in Trichtern ein. Die ersten Würmer tanzen um das fahle Vom Grubenwasser bleiche Schläfenbein.

Wie Ärzte stechen lang sie die Pinzette Der Rüssel, die im Fleische Wurzel schlägt. Du jagst sie nicht von deinem Totenbette, Du bist verflucht, zu leiden unbewegt.

Des schwarzen Himmels große Grabesglocke Dreht trüb sich rund um deine Winterzeit. Und es erstickt der Schneefall, dicke Flocke, Was unten in den Gräbern weint und schreit.

Der großen Städte nächtliche Emporen Stehn rings am Rand, wie gelbe Brände weit. Und mit der Fackel scheucht aus ihren Toren Der Tod die Toten in die Dunkelheit.

Sie fahren aus wie großer Rauch und schwirren Mit leisen Klagen durch das Distelfeld. Am Kreuzweg hocken sie zuhauf und irren Den Heimatlosen gleich in schwarzer Welt.

Sie schaun zurück von einem kahlen Baume, Auf den der Wind sie warf. Doch ihre Stadt Ist zu für sie. Und in dem leeren Raume Treibt Sturm sie um den Baum, wie Vögel matt.

Wo ist die Totenstadt? Sie wollen schlafen. Da tut sich auf im ernsten Abendrot Die Unterwelt, der stillen Städte Hafen, Wo schwarze Segel ziehen, Boot an Boot.

Und schwarze Fahnen wehn die langen Gassen Der ausgestorbnen Städte, die verstummt Im Fluch von weißen Himmeln und verlassen, Wo ewig eine stumpfe Glocke brummt.

Die schwarzen Brücken werfen ungeheuer Die Abendschatten auf den dunklen Strom. Und riesiger Lagunen rotes Feuer Verbrennt die Luft mit purpurnem Arom.

Kanäle alle, die die Stadt durchschwimmen, Sind von den Lilienwäldern sanft umsäumt. Am Bug der Kähne, wo die Lampen glimmen, Stehn groß die Schiffer, und der Abend träumt

Wie zarte goldene Kronen um die Stirnen. Der tiefen Augen dunkler Edelstein Umschließt des hohen Himmels blasse Firnen, Wo weidet schon der Mond im grünen Schein.

Die Toten schaun aus ihrem Winterbaume Den Schläfern zu in ihrem sanften Reich. Und das Verlangen faßt sie nach dem Saume Des roten Himmels und dem Abend weich.

Da stürzt sie Hermes, der die Nacht erschüttert Mit starkem Flug, ein bläulicher Komet, Den Grund herab, der meilentief erzittert, Da singend ihn der Toten Zug durchweht.

Sie nahn den Städten, da sie wohnen sollen, Draus goldne Winde gehn im Abendflug. Der Tore Amethyst im tiefen Stollen Küßt ihrer Reiherschwingen langer Zug.

Die Silberstädte, die im Monde glühen, Umarmen sie mit ihres Sommers Pracht, Wo schon im Ost wie große Rosen blühen Die Morgenröten in die Mitternacht.

Sie grüßen dich in deinem schwarzen Sarge Und flattern über dich wie Frühlingswind. Wie Nachtigallen rühren sie das karge, Wachsbleiche Haupt mit ihren Klagen lind.

Mit Sammethänden wollen sie dich grüßen Von meiner Qual. Und wie ein Weinblatt rot, So taumeln ihre Küsse dir zu Füßen, Und ziehn wie Tauben sanft um deinen Tod.

Sie schwingen über dir die Fackelbrände, Die furchtbar wecken auf die schwarze Nacht. Sie geben dir in deine weißen Hände Tränen von Stein, die ich dir dargebracht.

Sie laden Düfte aus den Duft-Amphoren Und überschütten dich mit Ambra ganz. Dein schwarzes Haar steht auf, an Himmels Toren, Wie eines Sterngewölkes dünner Glanz.

Sie werden große Pyramiden bauen, Darauf sie türmen deinen schwarzen Schrein. Dann wirst du in die wilde Sonne schauen, Die in dein Blut stürzt wie ein dunkler Wein.

Die Sonne, die mit Blumen sich beleuchtet, Stößt wie ein Aar zu deinen Häupten weit, Und ihrer Purpurlippen Traum befeuchtet Mit Tränentau dein weißes Totenkleid.

Dann nimmst dein Herz du aus den weißen Brüsten Und zeigst es rings dem stillen Heiligtum. Und deine stolze Flamme rührt die Küsten Des Himmels an, die werfen deinen Ruhm

Ins Meer der Toten aus wie starke Wellen. Die großen Schiffe schwimmen um dich her, Um deinen Turm, und ihre Lieder schwellen Wie Abendwolken sanft vom großen Meer.

Und was ich dir in meinen Träumen sage, Das schrein die Priester aus mit Tuba-Ton. Der Meere dunkle Buchten füllt die Klage Um dich wie Schilfrohr sanft und schwarzer Mohn.

Getrübt bescheint der Mond die stumme Fläche, Wie ein Korund, der tief im Grunde glüht. In deiner Locken dunkle Flammenbäche Verliebt, verweilt er auf den Städten müd.

Dann kommen alle Toten aus den Grüften Und ziehn um dich in langer Prozession. Von rosa Glase flattern in den Lüften Die Schatten, die von innern Flammen lohn.

Du zogst voraus nach dem geheimen Reiche. Ich folge dir dereinst, du Trauerbild, Und halte ewig deine Hand, die bleiche, Die meiner Küsse blasse Lilie füllt.

Dann überschwemmen lange Ewigkeiten Der Himmel Mauern und das tote Land, Die, große Schatten, in den Westen schreiten, Wo ehern ruht der Horizonte Wand.

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Illustration zu Schwarze Visionen

Interpretation

Das Gedicht "Schwarze Visionen" von Georg Heym beschäftigt sich mit den Themen Tod, Trauer und dem Jenseits. In sechs Teilen wird eine imaginäre Geliebte porträtiert, die bereits verstorben ist und in ihrem Sarg ruht. Der lyrische Ich-Erzähler imaginiert die Reise der Toten in die Unterwelt und ihre Ankunft in den Silberstädten des Mondes. Im ersten Teil wird die Geliebte als Einsiedlerin im Dunkel dargestellt, deren Körper bereits von Würmern befallen ist. Die zweite Strophe zeigt die Toten, die aus den Städten in die Nacht entlassen werden und wie Rauch durch die Felder ziehen. Im dritten Teil erreichen sie die Unterwelt, eine Stadt mit schwarzen Segeln, Fahnen und Brücken, durch die Kanäle führen. Der vierte Teil beschreibt, wie die Toten die Geliebte im Sarg grüßen und ihr Gaben darbringen. Sie errichten Pyramiden für sie und sie selbst wird zur Sonne, die ihren Ruhm ins Meer der Toten wirft. Im fünften Teil kehrt der Mond zurück und die Toten ziehen in einer Prozession um die Geliebte. Im letzten Teil kündigt der Erzähler an, ihr eines Tages in das geheime Reich folgen zu wollen, wo sie ewig vereint sein werden. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine düstere, morbide Stimmung und zeichnet ein detailliertes Bild von Tod und Verfall. Die Geliebte wird dabei fast schon vergöttlicht dargestellt, als eine Art Todesgöttin, die von den Toten verehrt wird. Der Erzähler scheint tief in Trauer zu versinken, findet aber Trost in der Vorstellung, dass er ihr eines Tages ins Jenseits folgen wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Wo ehern ruht der Horizonten Wand
Personifikation
Die ersten Würmer tanzen um das fahle
Vergleich
Ich folge dir dereinst, du Trauerbild