Schwärmerey

Sophie Friederike Brentano

1770

Wirst du mir stets den Seraphsfittig leihen, du nektartrunkne, süße Schwärmerey? Du wirst es nicht. - Verglimmen und zerrinnen wird deine Gluth vor den getrübten Sinnen; dein Wahnsinn bleibt dem kühlern Blut nicht treu.

Dies Saitenspiel, das rings mit Harmonieen die ganze Erde magisch übergoß, verrauscht und schweigt; die Phantasie verblühet, der Lenz erbleicht, der Freude Gluth versprühet, - ein Einz′ges nur bleibt ewig wechsellos!

Was nur allein des Zufalls Laune trotzet, die schöne Blüthe reiner Menschlichkeit, das uns allein zu freyen Wesen gründet, woran allein sich unsre Würde bindet, dies höchste Gut, es heißt - Selbstständigkeit.

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Interpretation

Das Gedicht "Schwärmerey" von Sophie Friederike Brentano thematisiert die Vergänglichkeit von Begeisterung und poetischer Inspiration. Die lyrische Ich-Figur fragt, ob ihr die "Seraphsfittig" (ein Ausdruck für poetische Begeisterung) von der "Schwärmerey" (einem Synonym für schwärmerische Einbildungskraft) geliehen werden kann. Doch die Antwort ist nein, denn die Leidenschaft und der Wahnsinn der Schwärmerei bleiben dem "kühlern Blut" nicht treu. Sie verlischt vor den getrübten Sinnen. Die zweite Strophe beschreibt das Verlöschen der poetischen Inspiration. Die "Saitenspiel", die einst die Erde mit Harmonie übergoß, verstummt und schweigt. Die Phantasie verblüht, der Frühling erbleicht, und die Glut der Freude verstreut sich. Doch es bleibt ein Einziges ewig wechsellos. In der letzten Strophe wird dieses Eine benannt: die "Selbstständigkeit". Dieses höchste Gut trotzt dem Zufall, gründet das freie Wesen des Menschen und bindet seine Würde. Damit setzt das Gedicht die Selbstständigkeit als das einzige unvergängliche Gut über die vergängliche poetische Begeisterung.

Schlüsselwörter

allein wirst gluth bleibt stets seraphsfittig leihen nektartrunkne

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Stilmittel

Anapher
Du wirst es nicht. - Verglimmen und zerrinnen wird deine Gluth vor den getrübten Sinnen; dein Wahnsinn bleibt dem kühlern Blut nicht treu.
Hyperbel
das uns allein zu freyen Wesen gründet
Kontrast
der Lenz erbleicht, der Freude Gluth versprühet
Metapher
Dies Saitenspiel, das rings mit Harmonieen die ganze Erde magisch übergoß
Personifikation
Wirst du mir stets den Seraphsfittig leihen