Schulmanns Schauer

Friedrich Theodor Vischer

1888

Neulich in warmem Gespräch mit einem gediegenen Schulmann Brach in Klagen ich aus über die traurige Zeit. Hetze nach Geld und Genuß und Betrug und Wucher und Fälschung Sind ja, rief ich, fürwahr unter dem Monde nicht neu; Dieß aber, dieß ist neu, daß, wenn man von Ehre und Pflicht noch, Von Gewissen noch spricht, höhnisches Grinsen erfolgt; Daß man die Waaren fälscht, ist nicht das Aergste, die Wahrheit Wird entmischt und gefälscht von dem sophistischen Gift; Unter uns wanket der Grund, es wanken die ew’gen Gesetze, Die mit des Pfeilers Kraft tragen die sittliche Welt. Und der Biedre versetzt: bestätigen kann ich es leider, Wie man in jetziger Zeit ewige Regel vergißt: Schaudernd fand ich, und gar bei einem der besseren Schüler, Gestern im Hebdomadar ut mit dem Indikativ.

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Illustration zu Schulmanns Schauer

Interpretation

Das Gedicht "Schulmanns Schauer" von Friedrich Theodor Vischer beschäftigt sich mit dem Verfall moralischer Werte in der Gesellschaft. Der Sprecher beklagt sich bei einem Schulmann über die traurige Zeit, in der Gier nach Geld, Genuss, Betrug und Wucher vorherrschen. Er beklagt, dass das Sprechen über Ehre, Pflicht und Gewissen nur noch zu spöttischem Grinsen führt. Der Schulmann bestätigt die Klagen des Sprechers und berichtet von einem erschreckenden Fund bei einem seiner besseren Schüler. Dieser hatte im Hebdomadar (einer Art Stundenplan oder Lehrbuch) den Gebrauch des Indikativs mit dem Konjunktiv verwechselt. Diese grammatikalische Unsauberkeit symbolisiert für den Schulmann den Verfall der ewigen Regeln und Gesetze, auf denen die sittliche Welt ruht. Das Gedicht verwendet die Verwechslung von Indikativ und Konjunktiv als Metapher für den Verlust von moralischen Grundsätzen und den Werteverfall in der Gesellschaft. Der Schulmann ist entsetzt, dass selbst bei einem seiner besseren Schüler diese Unsauberkeit auftritt, was darauf hindeutet, dass die Verrohung der Sitten allgegenwärtig ist. Das Gedicht endet mit einem Schauer des Schulmanns über diesen Fund, der die tiefgreifende Sorge um den moralischen Verfall der Gesellschaft zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

zeit neu dieß neulich warmem gespräch gediegenen schulmann

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Betrug und Wucher und Fälschung
Hyperbel
Schaudernd fand ich, und gar bei einem der besseren Schüler
Ironie
Gestern im Hebdomadar ut mit dem Indikativ
Metapher
Unter uns wanket der Grund, es wanken die ew'gen Gesetze
Personifikation
Die mit des Pfeilers Kraft tragen die sittliche Welt