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Schulmanns Schauer

Von

Neulich in warmem Gespräch mit einem gediegenen Schulmann
Brach in Klagen ich aus über die traurige Zeit.
Hetze nach Geld und Genuß und Betrug und Wucher und Fälschung
Sind ja, rief ich, fürwahr unter dem Monde nicht neu;
Dieß aber, dieß ist neu, daß, wenn man von Ehre und Pflicht noch,
Von Gewissen noch spricht, höhnisches Grinsen erfolgt;
Daß man die Waaren fälscht, ist nicht das Aergste, die Wahrheit
Wird entmischt und gefälscht von dem sophistischen Gift;
Unter uns wanket der Grund, es wanken die ew’gen Gesetze,
Die mit des Pfeilers Kraft tragen die sittliche Welt.
Und der Biedre versetzt: bestätigen kann ich es leider,
Wie man in jetziger Zeit ewige Regel vergißt:
Schaudernd fand ich, und gar bei einem der besseren Schüler,
Gestern im Hebdomadar ut mit dem Indikativ.

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Gedicht: Schulmanns Schauer von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Schulmanns Schauer“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine satirische Auseinandersetzung mit dem Niedergang moralischer Werte in der Gesellschaft, der durch die Beobachtungen eines Gesprächspartners, der mit einem „gediegenen Schulmann“ spricht, verdeutlicht wird. Es beginnt mit der Klage über die allgegenwärtige Suche nach Geld und Genuss sowie die weit verbreiteten Praktiken von Betrug und Wucher, die, so wird argumentiert, zwar nicht neu sind, aber dennoch ein Problem darstellen.

Der eigentliche Schock für den Sprecher liegt in der Reaktion der modernen Gesellschaft auf die Begriffe Ehre, Pflicht und Gewissen. Ein „höhnisches Grinsen“ ist die Antwort auf diese traditionellen Werte. Der Autor beklagt die Fälschung von Waren, die als nicht so gravierend angesehen wird, wie die Verfälschung der Wahrheit durch „sophistisches Gift“. Die Metapher des Wankens des Grundes und der ewigen Gesetze, die die „sittliche Welt“ tragen, betont die tiefe Besorgnis über den Verlust moralischer Grundlagen.

Der Schulmann bestätigt die Klage und berichtet von einem erschreckenden Vorfall, der die Erosion der Moral noch deutlicher macht. Er berichtet von seinem eigenen Schüler, einem der „besseren“ seiner Zunft. Dieser Schüler hat im Rahmen des wöchentlichen Schülerausflugs (Hebdomadar) im Unterricht eine Regel des Indikativs vergessen. Dies wird als Zeichen des moralischen Verfalls gedeutet, das sich sogar in den vermeintlich tugendhaften Schülern zeigt.

Vischer verwendet eine elegante, wenn auch etwas distanzierte Sprache, um seinen satirischen Angriff zu verpacken. Der Kontrast zwischen der Schwere der Thematik und der scheinbar beiläufigen Art und Weise, wie der Schulmann seine Beobachtung einbringt, verstärkt die Ironie und die kritische Haltung des Autors. Das Gedicht ist ein Kommentar auf die Entwertung traditioneller Tugenden und Werte im Kontext einer sich rasch verändernden, modernen Gesellschaft. Der Titel „Schulmanns Schauer“ lenkt das Augenmerk auf die Erschütterung und Bestürzung, die der Schulmann angesichts des moralischen Niedergangs empfindet.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.