Schöpfung
18911
Irgendwo zerbrach die Himmelsschale, Und die Sonne, wie verwundet, Flatterte, Gold und Lava blutend, Um die aufgerissene Erde.
Rosa Meere Leuchteten im Frühling ihrer Wellen, Rauschende Palmen stiegen, An den Korallen reiften Die Sternenfrüchte.
Irgendwo erbebte ein Gebirg Bis in seine starren Gletscher, Und der erste Tropfen, der sich löste, Eine Träne zu Tal, War das erste Lächeln Gottes.
2
Sprühender Dreizack, Brach das Wort aus stummem Ozean; Dunkel schillerte der Grund der Erde.
Und die blauen Hämmer des Geistes Und die Flöten der Engel Schollen um den entzündeten Himmel.
An des Dunkels eroberten Ufern Stand der Mensch, einen Pfeil in der Stirn, Den roten Mund Offen groß wie einen Triumphbogen: Hier und da, wenn es ihm einfiel, Befahl er der kreisenden Sonne zu stehen.
3
Zur Hügelhochzeit Stürzten Fliederfontänen zu Tal, Bäume waren voll Weltumarmung, Und dem Frühling schlugen die Schläfen.
Da, aus dunkler Erdenhütte Brach ein goldener Orgelsturm: Zwischen Himmel und Erde gestemmt, Säule irdischen Gesanges, Stand der Mensch Aus dem steinernen Leid Tief im rauschenden Schoß der Liebe War der Herrliche auferstanden!
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Interpretation
Das Gedicht "Schöpfung" von Yvan Goll ist eine eindrucksvolle und metaphorische Darstellung der Entstehung der Welt und des Menschen. Es beschreibt die Schöpfung als einen gewaltsamen und zugleich wunderschönen Prozess, der von göttlicher Energie und Leidenschaft durchdrungen ist. Im ersten Teil des Gedichts wird die Erschaffung der Erde und ihrer Elemente geschildert. Die Himmelsschale zerbricht, die Sonne blutet und die Erde reißt auf. Doch aus diesem Chaos entstehen rosa Meere, rauschende Palmen und Sternenfrüchte an den Korallen. Auch die Berge erbeben und der erste Tropfen, der sich löst, wird als "erste Träne Gottes" bezeichnet. Dies deutet auf die emotionale Intensität und den schöpferischen Akt Gottes hin. Der zweite Teil des Gedichts beschäftigt sich mit der Erschaffung des Menschen. Das Wort bricht aus dem stummen Ozean hervor und entzündet den Himmel. Der Mensch steht an den eroberten Ufern der Dunkelheit, einen Pfeil in der Stirn und den Mund weit geöffnet wie ein Triumphbogen. Er hat die Macht, der Sonne zu befehlen, stehen zu bleiben. Dies symbolisiert die Erhebung des Menschen über die Natur und seine Fähigkeit, die Schöpfung zu beherrschen. Im dritten Teil des Gedichts wird die Vereinigung von Mensch und Natur dargestellt. Fliederfontänen stürzen zu Tal und die Bäume umarmen die Welt. Der Mensch erhebt sich aus dem steinernen Leid und wird zum "Herrlichen", der tief in der Liebe verwurzelt ist. Dies deutet auf die spirituelle und emotionale Erhebung des Menschen hin, der durch die Schöpfung zu einem höheren Bewusstsein gelangt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Rosa Meere Leuchteten im Frühling ihrer Wellen
- Hyperbel
- Den roten Mund Offen groß wie einen Triumphbogen
- Metapher
- Aus dem steinernen Leid Tief im rauschenden Schoß der Liebe War der Herrliche auferstanden
- Personifikation
- Zwischen Himmel und Erde gestemmt, Säule irdischen Gesanges, Stand der Mensch