Schön Hedwig
1813Im Kreise der Vasallen sitzt Der Ritter, jung und kühn; Sein dunkles Feuerauge blitzt, Als wollt′ er ziehn zum Kampfe, Und seine Wangen glühn.
Ein zartes Mägdlein tritt heran Und füllt ihm den Pokal. Zurück mit Lächeln tritt sie dann, Da fällt auf ihre Stirne Der klarste Morgenstrahl.
Der Ritter aber faßt sie schnell Bei ihrer weißen Hand. Ihr blaues Auge, frisch und hell, Sie schlägt es erst zu Boden, Dann hebt sie′s unverwandt.
»Schön Hedwig, die du vor mir stehst, Drei Dinge sag mir frei: Woher du kommst, wohin du gehst, Warum du stets mir folgest; Das sind der Dinge drei!«
Woher ich komm? Ich komm von Gott, So hat man mir gesagt, Als ich, verfolgt von Hohn und Spott, Nach Vater und nach Mutter Mit Tränen einst gefragt.
Wohin ich geh? Nichts treibt mich fort, Die Welt ist gar zu weit. Was tauscht′ ich eitel Ort um Ort? Sie ist ja allenthalben Voll Lust und Herrlichkeit.
Warum ich folg, wohin du winkst? Ei, sprich, wie könnt′ ich ruhn? Ich schenk den Wein dir, den du trinkst, Ich bat dich drum auf Knien Und möcht′ es ewig tun!
»So frage ich, du blondes Kind, Noch um ein Viertes dich; Dies Letzte sag mir an geschwind, Dann frag ich dich nichts weiter, Sag, Mägdlein, liebst du mich?«
Im Anfang steht sie starr und stumm, Dann schaut sie langsam sich Im Kreis der ernsten Gäste um, Und faltet ihre Hände Und spricht: Ich liebe dich!
Nun aber weiß ich auch, wohin Ich gehen muß von hier; Wohl ist′s mir klar in meinem Sinn: Nachdem ich dies gestanden, Ziemt nur der Schleier mir!
»Und wenn du sagst, du kommst von Gott, So fühl ich, das ist wahr. Drum führ ich auch, trotz Hohn und Spott, Als seine liebste Tochter Noch heut dich zum Altar.
Ihr edlen Herrn, ich lud verblümt Zu einem Fest euch ein; Ihr Ritter, stolz und hoch gerühmt, So folgt mir zur Kapelle, Es soll mein schönstes sein!«
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Interpretation
Das Gedicht "Schön Hedwig" von Friedrich Hebbel erzählt die Geschichte eines Ritters und eines jungen Mädchens namens Hedwig. Der Ritter, umgeben von Vasallen, wird von Hedwig bedient, die ihm den Pokal füllt. Ihre Blicke treffen sich, und der Ritter fasziniert von ihrer Schönheit, stellt ihr drei Fragen nach ihrem Ursprung, ihrem Ziel und dem Grund, warum sie ihm folgt. Hedwig antwortet, dass sie von Gott kommt, nirgendwohin getrieben wird und ihm folgt, weil sie es liebt, ihm zu dienen. Der Ritter, tief beeindruckt von ihren Antworten, fragt sie nach ihrer Liebe zu ihm. Nach einer kurzen Zögerung gesteht Hedwig ihre Liebe. Daraufhin verkündet der Ritter, dass er sie trotz Hohn und Spott als Gottes liebste Tochter noch am selben Tag zum Altar führen wird. Er lädt die versammelten edlen Herren und Ritter zu einer Hochzeitsfeier in die Kapelle ein, die sein schönstes Fest werden soll. Das Gedicht thematisiert die plötzliche und tiefe Verbundenheit zwischen zwei Menschen, die sich gerade erst begegnet sind. Es zeigt, wie Liebe auf den ersten Blick entstehen und zu einer sofortigen Entscheidung für die gemeinsame Zukunft führen kann. Die Figur der Hedwig wird als unschuldig und demütig dargestellt, die ihre Liebe in Einfachheit und Aufrichtigkeit ausdrückt. Der Ritter hingegen zeigt sich als edel und entschlossen, bereit, Hedwig trotz möglicher gesellschaftlicher Vorbehalte zu heiraten. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, die die Kraft der Liebe und die Bereitschaft, gesellschaftliche Konventionen für das persönliche Glück zu überwinden, betont.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- So frage ich, du blondes Kind
- Anapher
- Woher ich komm? Ich komm von Gott
- Bildsprache
- Ihr blaues Auge, frisch und hell
- Direkte Rede
- Schön Hedwig, die du vor mir stehst, Drei Dinge sag mir frei:
- Enjambement
- Nun aber weiß ich auch, wohin Ich gehen muß von hier;
- Hyperbel
- Ich bat dich drum auf Knien und möcht′ es ewig tun!
- Kontrast
- Die Welt ist gar zu weit. Was tauscht′ ich eitel Ort um Ort?
- Metapher
- Sein dunkles Feuerauge blitzt
- Personifikation
- Der klarste Morgenstrahl fällt auf ihre Stirne
- Rhetorische Frage
- Warum ich folg, wohin du winkst? Ei, sprich, wie könnt′ ich ruhn?
- Symbolik
- Nachdem ich dies gestanden, Ziemt nur der Schleier mir!