Schneeglöckchen

Richard Dehmel

1879

Sie ist erwacht, des Winters einzige Blume. In Tod und Nacht träumte die stumme Botin des Frühlings von Licht und Leben.

Wie sie sich heben alle die sprießenden Spitzen, zum Himmel bange bebend sich richten! aber droben die Sonne schläft. Roh durchs Land die Stürme toben, lachen kalt der schlichten furchtsam strebenden Zarten, heulen ein Lied von Krieg und Streit: Nur die Starken, Harten preiset der Reigen der eisernen Zeit!

Duftlos neigen sich die weißen reinen scheuen Köpfchen zur Erde wieder entsagend nieder und weinen selber ins Grab sich.

Doch nicht minder, du einsame Blume, tröstet dein Blühen die Menschenkinder. Nicht ist vergebens dein kurzes Mühen: alles des Lebens Brausen und Glühen, das uns der Frühling schickt, du fühlst es nahn! Mit neuem Glauben blickt auf seine Bahn, winkt ihm Dein Gruß, rastlos wandernd der Mensch.

Keimt doch zitternd in Ihm auch manche lautere Blume aus dem dunklen Grunde des Herzens, die verblühen muß, ehe die andern sicher strebenden, mächtiger treibenden Wurzeln sich regen: Zielen entgegen! -

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Illustration zu Schneeglöckchen

Interpretation

Das Gedicht "Schneeglöckchen" von Richard Dehmel beschreibt die Schneeglöckchen als die einzige Blume des Winters, die im Dunkel und Tod träumt und von Licht und Leben träumt. Die Schneeglöckchen sprießen zitternd und ängstlich nach oben, doch die Sonne schläft noch und die Stürme toben roh durch das Land. Die kalten Stürme lachen die zarten Schneeglöckchen aus und singen ein Lied von Krieg und Streit, das nur die Starken und Harten der eisernen Zeit preist. Die weißen, reinen und schüchternen Köpfchen der Schneeglöckchen neigen sich duftlos zur Erde und weinen sich selbst ins Grab. Doch das Blühen der einsamen Blume tröstet die Menschenkinder. Das kurze Mühen der Schneeglöckchen ist nicht vergebens, denn sie fühlt das Brausen und Glühen des Lebens, das der Frühling schickt. Mit neuem Glauben blickt der Mensch auf seine Bahn und winkt dem Gruß der Schneeglöckchen zu, während er unruhig wandert. Das Gedicht endet mit der Metapher, dass auch im Menschen manche lautere Blume aus dem dunklen Grunde des Herzens keimt, die verblühen muss, bevor die anderen, mächtiger treibenden Wurzeln sich regen und ihr Ziel erreichen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Von Licht und Leben träumte die stumme Botin des Frühlings
Metapher
Zielen entgegen
Personifikation
Rastlos wandernd der Mensch