Schlusslied

Georg Ludwig Weerth

1822

Heller ward es im Osten. Da machte sich auf der Morgenwind, Vom Schlummer zu wecken Des Frühlings lieblichste Kinder: Maililien und wilde Zartrosa Rosen. Sacht durchzog er das junge Gras und das grüne Sprossende Korn, dass die Ähren Leis zu nicken begannen und weithin Wogten hinab Zu der Felder Umzäunung. Munter fuhr er einher An der Seite des Hügels, Jagte den Duft empor Von den Apfelblüten und tanzte Über die Gärten hinweg In den Forst dann, Spielend hier mit der weißlichen Birke Gezweig, mit dem Wipfel Der Tanne dort und des Buchbaums Prächtiger Krone; Säuseln und Rauschen begann Im Tal, auf den Höhen. Demanten glänzte der Tau Im wachsenden Licht; Aus Blättern und Kelchen Rollt er, und Leben entsteht Und Bewegung jetzt, überall, überall!

Träumrisch erhebt ihr Köpfchen Die Taube; es springt Von Ast zu Ast die schwarzweiße Elster; die Falken erwachen Im Dickicht, und horchend Reckt der Hirsch sich empor An dem sprudelnden Waldbach.

Vorbei die Stille der Nacht! Es erwachen Die Lieder in jeder Brust, So Natur zum Gesange gestimmt hat. Ein Ruf jetzt - ein Schrei des Entzückens! Und hell zu der Wälder Gerausch Erschallt in melodischem Chor Das Festlied aller Lebend′gen!

Triumph! dass du kamst, O strahlende Sonne; ein neuer Tag geht auf den Völkern der Erde. Mag alles froh dich begrüßen, Mag alles liebend dir nachschaun, Wenn wundervoll Nach vollbrachtem Lauf Du leuchtend wieder hinabsinkst.

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Illustration zu Schlusslied

Interpretation

Das Gedicht "Schlusslied" von Georg Ludwig Weerth beschreibt den Beginn eines neuen Tages und den Einzug des Frühlings. Die Natur erwacht zum Leben, Blumen und Pflanzen sprießen, Tiere werden aktiv und die Sonne geht auf. Weerth schildert in lyrischer Manier, wie der Morgenwind die Frühlingsboten wie Maiglöckchen und Rosen weckt und durch Gras und Getreidefelder streicht. Er jagt Düfte von Apfelblüten und tanzt durch Gärten und Wälder. Überall erwacht Leben und Bewegung. Die Stille der Nacht weicht, Vögel beginnen zu singen und ein "Festlied aller Lebendigen" erklingt. Die Sonne wird triumphal als "strahlende Sonne" begrüßt, die einen neuen Tag für die Völker der Erde einläutet. Am Abend soll sie dann wieder "leuchtend hinabsinken" nach ihrem Lauf über den Himmel.

Schlüsselwörter

empor überall ast erwachen mag heller ward osten

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Stilmittel

Alliteration
Säuseln und Rauschen begann Im Tal, auf den Höhen
Anapher
Mag alles froh dich begrüßen, Mag alles liebend dir nachschaun
Bildsprache
Es erwachen Die Lieder in jeder Brust
Hyperbel
Und Leben entsteht Und Bewegung jetzt, überall, überall!
Metapher
Das Festlied aller Lebend′gen
Personifikation
Triumph! dass du kamst, O strahlende Sonne