Schlosslegende
1797Zu Berlin im alten Schlosse sehen wir aus Stein gemetzt wie ein Weib mit einem Rosse sodomitisch sich ergetzt.
Und es heißt, dass jene Dame die erlauchte Mutter ward unseres Fürstenstamms - Der Same schlug fürwahr nicht aus der Art.
Ja, sie hatten alle wenig von der menschlichen Natur, und an jedem Preussen-König merkte man die Pferdespur.
Stets brutal zugleich und blöde, Stallgedanken, jammervoll, eine Gewieher ihre Rede eine Bestie jeder Zoll.
Du allein, du des Geschlechtes letzter Sprößling, fühlst und denkst wie ein Mensch, und hast ein echtes Christenherz und bist kein Hengst.
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Interpretation
Das Gedicht "Schlosslegende" von Heinrich Heine ist eine scharfe Satire auf die preußische Königsfamilie. Es beginnt mit einer Anspielung auf eine Legende, die besagt, dass eine preußische Königin eine unnatürliche Beziehung zu einem Pferd hatte, aus der der preußische Fürstenstamm hervorgegangen sei. Heine verwendet diese Legende, um die moralische Verkommenheit und den Mangel an menschlicher Natur der preußischen Herrscher zu kritisieren. Im zweiten Teil des Gedichts erweitert Heine die Legende und behauptet, dass alle preußischen Könige Anzeichen von Pferdeabstammung aufweisen. Er beschreibt sie als brutal und dumm, mit Gedanken, die an einen Stall erinnern, und einer Rede, die wie ein Wiehern klingt. Jeder Zentimeter dieser Herrscher sei eine Bestie, was ihre vollständige Abkehr von menschlichen Werten und Verhaltensweisen unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer Ausnahme: Der letzte Spross des Geschlechts, vermutlich Friedrich Wilhelm IV., wird als jemand dargestellt, der fühlt und denkt wie ein Mensch und ein echtes christliches Herz besitzt. Dies impliziert, dass er sich von der tierischen Natur seiner Vorfahren unterscheidet und menschliche Qualitäten aufweist. Heine nutzt diese Ausnahme, um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auszudrücken und gleichzeitig die vorherigen Herrscher scharf zu kritisieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stamm - Der Same
- Hyperbel
- eine Bestie jeder Zoll
- Kontrast
- du des Geschlechtes letzter Sprößling, fühlst und denkst wie ein Mensch, und hast ein echtes Christenherz und bist kein Hengst
- Metapher
- wie ein Weib mit einem Rosse sodomitisch sich ergetzt
- Personifikation
- Stallgedanken, jammervoll