Schlaraffenland

Hans Sachs

1530

Eine Gegend heißt Schlaraffenland, den faulen Leuten wohlbekannt; die liegt drei Meilen hinter Weihnachten. Ein Mensch, der dahinein will trachten, muß sich des großen Dings vermessen und durch einen Berg von Hirsebrei essen; der ist wohl dreier Meilen dick; alsdann ist er im Augenblick im selbigen Schlaraffenland. Da hat er Speis und Trank zur Hand; da sind die Häuser gedeckt mit Fladen, mit Lebkuchen Tür und Fensterladen. Um jedes Haus geht rings ein Zaun, geflochten aus Bratwürsten braun; vom besten Weine sind die Bronnen, kommen einem selbst ins Maul geronnen. An den Tannen hängen süße Krapfen wie hierzulande die Tannenzapfen; auf Weidenbäumen Semmeln stehn, unten Bäche von Milch hergehn; in diese fallen sie hinab, daß jedermann zu essen hab.

Auch schwimmen Fische in den Lachen, gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken; die gehen bei dem Gestad so nahe, daß man sie mit den Händen fahe. Auch fliegen um, das mögt ihr glauben, gebratene Hühner, Gäns’ und Tauben; wer sie nicht fängt und ist so faul, dem fliegen sie selbst in das Maul. Die Schweine, fett und wohlgeraten, laufen im Lande umher gebraten. Jedes hat ein Messer im Rück’; damit schneid’t man sich ab ein Stück und steckt das Messer wieder hinein. Käse liegen umher wie die Stein. Ganz bequem haben’s die Bauern; sie wachsen auf Bäumen, an den Mauern; sind sie zeitig, so fallen sie ab, jeder in ein Paar Stiefel herab. Auch ist ein Jungbrunn in dem Land; mit dem ist es also bewandt: wer da häßlich ist oder alt, der badet sich jung und wohlgestalt’t Bei den Leuten sind allein gelitten mühelose, bequeme Sitten. So zum Ziel schießen die Gäst’, wer am meisten fehlt, gewinnt das Best; im Laufe gewinnt der Letzte allein; das Schlafrocktragen ist allgemein, Auch ist im Lande gut Geld gewinnen: wer Tag und Nacht schläft darinnen, dem gibt man für die Stund’ einen Gulden; wer wacker und fleißig ist, macht Schulden. Dem, welcher da sein Geld verspielt, man alles zwiefach gleich vergilt, und wer seine Schuld nicht gern bezahlt, auch wenn sie wär eines Jahres alt, dem muß der andere doppelt geben. Der, welcher liebt ein lustig Leben, kriegt für den Trunk einen Batzen Lohn; für eine große Lüge gibt man eine Kron’. Verstand darf man nicht lassen sehn, aller Vernunft muß man müßig gehn; wer Sinn und Witz gebrauchen wollt, dem wär kein Mensch im Lande hold. Wer Zucht und Ehrbarkeit hätt lieb, denselben man des Lands vertrieb, und wer arbeitet mit der Hand, dem verböt man das Schlaraffenland. Wer unnütz ist, sich nichts läßt lehren, der kommt im Land zu großen Ehren, und wer der Faulste wird erkannt, derselbige ist König im Land. Wer wüst, wild und unsinnig ist, grob, unverständig zu aller Frist, aus dem macht man im Land einen Fürsten. Wer gern ficht mit Leberwürsten, aus dem ein Ritter wird gemacht, und wer auf gar nichts weiter acht’t als auf Essen, Trinken und Schlafen, aus dem macht man im Land einen Grafen. Wer also lebt wie obgenannt, der ist gut im Schlaraffenland, in einem andern aber nicht. Drum ist ein Spiegel dies Gedicht, darin du sehest dein Angesicht.

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Illustration zu Schlaraffenland

Interpretation

Das Gedicht "Schlaraffenland" von Hans Sachs ist eine satirische Beschreibung eines fiktiven Landes, das als Paradies für Faulenzer und Genusssüchtige dargestellt wird. In diesem Land gibt es eine Fülle von Speisen und Getränken, die buchstäblich vom Himmel fallen oder an Bäumen wachsen. Häuser sind mit Brot und Lebkuchen gedeckt, Flüsse fließen mit Milch, und gebratene Tiere laufen umher, bereit zum Verzehr. Die Bewohner dieses Landes werden für ihre Faulheit und Unvernunft belohnt, während Fleiß und Intelligenz bestraft werden. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass Hans Sachs das Schlaraffenland als eine Metapher für die menschlichen Laster und die Verlockungen des leichtfertigen Lebens verwendet. Er kritisiert diejenigen, die nach einem Leben ohne Anstrengung und Verantwortung streben. In der realen Welt führt ein solches Verhalten zu nichts Gutem, und das Gedicht dient als Spiegel, der den Leser dazu auffordert, über sein eigenes Verhalten und seine Werte nachzudenken. Abschließend kann gesagt werden, dass das Gedicht eine Warnung vor den Gefahren der Trägheit und der Vernachlässigung von Pflichten und Tugenden ist. Hans Sachs nutzt die humorvolle und übertriebene Darstellung des Schlaraffenlands, um die Absurdität eines Lebens ohne Arbeit und Zielstrebigkeit zu verdeutlichen. Das Gedicht fordert den Leser auf, sich selbst zu reflektieren und die Bedeutung von Fleiß, Intelligenz und Anstand im wirklichen Leben zu erkennen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken
Bildhaftigkeit
Um jedes Haus geht rings ein Zaun, geflochten aus Bratwürsten braun
Hyperbel
die liegt drei Meilen hinter Weihnachten
Ironie
wer Tag und Nacht schläft darinnen, dem gibt man für die Stund' einen Gulden
Kontrast
Wer Zucht und Ehrbarkeit hätt lieb, den selbigen man des Lands vertrieb
Metapher
Eine Gegend heißt Schlaraffenland, den faulen Leuten wohlbekannt
Personifikation
die Häuser gedeckt mit Fladen, mit Lebkuchen Tür und Fensterladen
Reimschema
AA BB CC DD EE FF GG HH II JJ KK LL MM NN OO PP QQ RR SS TT UU VV WW XX YY ZZ
Spiegelung
Drum ist ein Spiegel dies Gedicht, darin du sehest dein Angesicht
Symbolik
die Bäche von Milch hergehn
Übertreibung
muß sich des großen Dings vermessen und durch einen Berg von Hirsebrei essen; der ist wohl dreier Meilen dick