Schlaf und Tod
1910Süß und wonnesam ist der Schlaf. - In der strengen Schule des Lebens, wo gleich unverständigen Kindern wir die krausen, verworrenen Rätsel mühsam zusammenbuchstabieren aber nimmer den Sinn erforschen, wo der Schmerz mit ehernem Griffel Runen auf unsere Stirnen schreibt, dünkt der Schlaf die Erholungsstunde mir, die süße, köstliche Pause, da die verschlossene Türe aufspringt und statt dumpfigen Bücherstaubes Sonnenstrahlen und Luft wir atmen… süß und wonnesam ist der Schlaf. -
Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung von all den lastenden, quälenden Sorgen um des Daseins traurige Narrheit, um der Zukunft lichtloses Dunkel, um das eine, selige Glück, das gleich silbernen Wasserwogen meines Lebens dornige Wüste noch mit blühenden Blumen schmückte, und nun haltlos wie Regentropfen mir in der zitternden Hand zerrinnt. -
Süß und wonnesam ist der Schlaf, aber eines noch däucht mich süßer: nicht das Vergessen nur, - das Vergehen! Nicht das Ausruhen, - nein, die Ruhe!
Sei willkommen mir, goldene Stunde, die den Schüler gereisten Sinnes aus der drückenden Mauern Enge über die Schwelle hinaus in lichte sonnendurchstrahlte Weiten führt -
Sei gesegnet, du Götterbote, der auf rauschenden Adlerschwingen meine Seele aus Nacht und Dunkel aufwärts trägt zu den fernen Höhn, wo aus goldenem Schacht des Glückes nie versiegende Quellen sprudeln! -
Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen, aber das Süßeste ist der Tod.
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Interpretation
Das Gedicht "Schlaf und Tod" von Clara Müller-Jahnke thematisiert die Sehnsucht nach Ruhe und Erlösung angesichts der Mühen und Rätsel des Lebens. Der Schlaf wird als süße, wonnige Pause beschrieben, in der man dem Druck des Lebens entfliehen und neue Kraft schöpfen kann. Doch selbst der Schlaf ist nur ein vergängliches Vergessen, während der Tod als wahre Ruhe und Erlösung ersehnt wird. Müller-Jahnke schildert das Leben als "strenges Schulen", in dem man vergeblich versucht, die Rätsel des Daseins zu ergründen. Schmerz und Sorgen lasten schwer, während die Erinnerung an vergangenes Glück wie Regentropfen in der Hand zerrinnt. In diesem Kontext erscheint der Schlaf als willkommene Atempause, als Öffnung der "verschlossenen Türe" zu Licht und Luft. Doch der Schlaf ist nur ein vorübergehendes Entrinnen. Müller-Jahnke sehnt sich nach dem "Vergehen", nach der ewigen "Ruhe" des Todes. Der Tod wird als goldene Stunde beschworen, die den "Schüler" aus dem engen Leben in lichte Weiten führt. Er ist der "Götterbote", der die Seele zu den fernen Höhen trägt, wo nie versiegende Quellen des Glücks sprudeln. Letztlich erscheint der Tod als das "Süßeste" und Ersehnteste.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen
- Bildsprache
- Sonnenstrahlen und Luft wir atmen
- Hyperbel
- meines Lebens dornige Wüste
- Metapher
- goldenen Schacht des Glückes
- Personifikation
- Schmerz mit ehernem Griffel / Runen auf unsere Stirnen schreibt
- Vergleich
- gleich unverständigen Kindern