Schiller

Luise Büchner

1862

Zum 10. November 1859.

»Das Höchste, was uns kann der Dichter geben, Das ist sein - sein nur allein! Vor denen, welche mit und nach ihm leben, Sei dieses würdig, ausgestellt zu sein; Zum reinsten Menschthum es empor zu heben, Es ganz zu läutern, sei sein Ziel allein - Denn höchste Gluth muß er erst in sich schüren, Der ′s wagen will, die Göttlichen zu rühren!«

So sprach der Dichter Schiller - und geblieben Ist nicht für ihn ein leerer Schall das Wort, Wo ihn das Innerste nicht angetrieben, Erklang von seiner Leier kein Accord. Nicht Zeile hat die Hand geschrieben, Die nicht entquoll der tiefsten Seele Hort - Was er auch schuf, voll sittlich reiner Klarheit, Der Abglanz nur ist′s seiner Wahrheit!

Er, dem der Freiheit schönster Sang gelungen, War selber frei in innerster Natur; Nach einem edlen Weib nur hat gerungen Der deutschen Frauen erster Troubadour; Wie er der Freundschaft Ideal besungen, War er voll Treu′ ein Freund, wie Wen′ge nur - So wissen kaum wir, wunderbar getrieben, Ob mehr der Dichter - mehr der Mensch zu lieben!

Zum Schiller richte deine Blicke, O, Jugend, die begeistert auf ihn lauscht! Damit nicht nur dein Ohr sein Wort entzücke, Sein Sang nicht nur die Phantasie berauscht; Sein ganzes Bild der vollen Seele drücke Dir ein, und sorg′, daß nie die Zeit es tauscht, Lass′ es in′s Herz dir wachsen, in das weiche, Wie Heil′genbilder in den Stamm der Eiche!

Denn auf des Lebens wild verworr′nen Wegen, Wo oft Sturm des Glaubens Baum entlaubt, Ist′s dem enttäuschten Herzen Himmelssegen, Wenn′s noch durch Einen an die Menschheit glaubt, Wenn′s noch Ideal darf in sich hegen, Das nie der Täuschung kalte Hand ihm raubt: Denn zweifellos, im reinsten Schönheitslichte, Steht er auf ew′ge Zeit in der Geschichte.

Und auf den Schiller seht, ihr Dichter! Nie sprach er: Was der Genius thut ist recht! Nie wollt′ er, daß die Welt ein mildrer Richter Ihm sei, als einem staubgebornen Knecht. Des Geistes Hoheit war ihm der Verpflichter, Auch groß zu ; wenn göttliches Geschlecht Für sich verlangt der Genius, soll er zeigen, Daß er auch kann als Mensch den Göttern gleichen!

Ihn trug das Leben nicht auf glatter Welle, Sein Tod erst war′s, der Kampf und Noth gestillt, Doch keinen Fleck ließ es auf seiner Helle, Nein, wie sein Tell - o, unvergänglich Bild - Der Feinde Schiff geschleudert kühn und schnelle Mit starkem Fuß in Fluth und Brandung wild, So stieß er das Gemeine, das uns Alle Bedrohet, von sich ab zu nächt′gem Falle.

Drum - wie wir auch die Dichter lieben, Die Unsren - heißer doch die Wange brennt, Das Herz fühlt sich zu höh′rem Schlag getrieben, Wenn man den Namen Schiller nennt; Und daß er sich so tief hat eingeschrieben In Aller Herzen - ist, weil Keiner kennt Ein Größ′res, als »des Genius hohe Sendung In Harmonie mit sittlicher Vollendung!«

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Schiller

Interpretation

Das Gedicht "Schiller" von Luise Büchner ist eine Hommage an den Dichter Friedrich Schiller und seine Werke. Es betont die Bedeutung seiner Poesie als Ausdruck höchster menschlicher Ideale und als Quelle moralischer Inspiration. Büchner hebt hervor, dass Schillers Werk nicht nur ästhetisch ansprechend ist, sondern auch tief in der Seele verwurzelt und von reiner Klarheit geprägt. Sie unterstreicht, dass Schiller selbst ein Vorbild für Freiheit, Freundschaft und die Suche nach dem Ideal war, sowohl als Dichter als auch als Mensch. Die Autorin fordert die Jugend auf, sich nicht nur von Schillers Worten verzaubern zu lassen, sondern sein gesamtes Bild in sich aufzunehmen und zu bewahren. Sie betont die Bedeutung, die Schillers Werk auch in schwierigen Zeiten haben kann, indem es als Anker für den Glauben an die Menschheit und das Ideal dient. Büchner stellt Schiller als eine unvergängliche Figur in der Geschichte dar, die durch ihre Harmonie von Genie und sittlicher Vollendung besticht. Büchner richtet sich auch an andere Dichter und betont, dass Schiller nie die Meinung vertrat, dass das, was der Genius tut, automatisch richtig sei. Sie unterstreicht, dass Schiller die Verantwortung des Geistes und die Notwendigkeit, als Mensch den Göttern gleichzukommen, betonte. Das Gedicht schließt mit der Feststellung, dass Schiller sich tief in die Herzen aller Menschen eingeschrieben hat, weil er das Größte verkörpert: die hohe Sendung des Genies in Harmonie mit sittlicher Vollendung.

Schlüsselwörter

dichter schiller nie genius höchste kann allein leben

Wortwolke

Wortwolke zu Schiller

Stilmittel

Alliteration
»Das Höchste, was uns kann der Dichter geben«
Anapher
Sein ganzes Bild der vollen Seele drücke / Dir ein, und sorg', daß nie die Zeit es tauscht
Bildsprache
Wie Heil'genbilder in den Stamm der Eiche
Hyperbel
Denn höchste Gluth muß er erst in sich schüren
Metapher
Wo oft Sturm des Glaubens Baum entlaubt
Personifikation
Sein Tod erst war's, der Kampf und Noth gestillt
Vergleich
Wie er der Freundschaft Ideal besungen
Zitat
»Was der Genius thut ist recht!«