Schilflieder

Nikolaus Lenau

1802

1 Drüben geht die Sonnen scheiden, Und der müde Tag entschlief. Niederhangen hier die Weiden In den Teich,so still, so tief.

Und ich muß mein Liebstes meiden: Quill, o Träne, quill hervor! Traurig säuseln hier die Weiden, Und im Winde bebt das Rohr.

In mein stilles, tiefes Leiden Strahlst du, Ferne! hell und mild, Wie durch Binsen hier und Weiden Strahlt des Abendsternes Bild.

2 Trübe wird′s, die Wolken jagen, Und der Regen niederbricht, Und die lauten Winde klagen: “Teich, wo ist dein Sternenlicht?”

Suchen den erloschnen Schimmer Tief im aufgewühlten See. Deine Liebe lächelt nimmer Nieder in mein tiefes Weh.

3 Auf geheimem Waldespfade Schleich ich gern im Abendschein An das öde Schilfgestade Mädchen, und gedenke dein!

Wenn sich dann der Busch verdüstert, Rauscht das Rohr geheimnisvoll, Und es klaget, und es flüstert, Daß ich weinen, weinen soll.

Und ich mein, ich höre wehen Leise deiner Stimme Klang Und im Weiher untergehen Deinen lieblichen Gesang.

4 Sonnenuntergang; Schwarze Wolken ziehn, O wie schwül und bang Alle Winde fliehn!

Durch den Himmel wild Jagen Blitze, bleich; Ihr vergänglich Bild Wandelt durch den Teich.

Wie gewitterklar Mein ich dich zu sehn, Und dein langes Haar Frei im Sturme wehn!

5 Auf dem Teich, dem regungslosen, Weilt des Mondes holder Glanz, Flechtend seine bleichen Rosen In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel, Blicken in die Nacht empor; Manchmal regt sich das Geflügel Träumerisch im tiefen Rohr.

Weinend muß mein Blick sich senken; Durch die tiefste Seele geht Mir ein süßes Deingedenken, Wie ein stilles Nachtgebet!

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Illustration zu Schilflieder

Interpretation

Das Gedicht "Schilflieder" von Nikolaus Lenau ist eine tiefgründige Reflexion über Liebe, Sehnsucht und die Vergänglichkeit des Lebens. Es besteht aus fünf Strophen, die jeweils eine eigene Stimmung und Atmosphäre schaffen. Die erste Strophe beschreibt den Sonnenuntergang und den Übergang vom Tag zur Nacht. Die Natur wird als ruhig und still dargestellt, während der Sprecher seine Trauer über das Verlieren seines Liebstens zum Ausdruck bringt. Die Weiden und das Schilf werden als Symbole für die Trauer und das Leid verwendet. Die zweite Strophe bringt eine düstere Stimmung mit sich. Die Wolken ziehen auf, der Regen fällt und die Winde klagen. Die Suche nach dem erloschenen Sternenlicht im aufgewühlten See symbolisiert die Suche nach Hoffnung und Trost in einer Zeit der Trauer. Die Liebe des Sprechers scheint verloren zu sein und lächelt nicht mehr in sein tiefes Weh. Die dritte Strophe beschreibt die Sehnsucht des Sprechers nach seiner verlorenen Liebe. Er schleicht auf geheimen Waldespfaden zum öden Schilfgestade und denkt an sie. Das Schilf rauscht geheimnisvoll und klagend, was den Sprecher zum Weinen bringt. Er glaubt, die Stimme seiner Liebsten zu hören und ihren Gesang im Weiher untergehen zu sehen. Die vierte Strophe beschreibt einen Gewitterabend. Die Sonne geht unter, schwarze Wolken ziehen auf und der Wind flieht. Blitze jagen durch den Himmel und ihr vergängliches Bild wandelt durch den Teich. Der Sprecher sieht seine Liebste im Sturm, ihr langes Haar weht frei im Wind. Die letzte Strophe bringt eine ruhige und friedliche Stimmung. Der Mond wirft seinen Glanz auf den regungslosen Teich und flechtet seine bleichen Rosen in das grüne Schilf. Hirsche wandeln am Hügel und blicken in die Nacht. Das Geflügel regt sich träumerisch im tiefen Rohr. Der Blick des Sprechers senkt sich weinend, während ein süßes Deingedenken wie ein stilles Nachtgebet durch seine Seele geht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Quill, o Träne, quill hervor
Metapher
Wie ein stilles Nachtgebet
Personifikation
Manchmal regt sich das Geflügel