Schiffers Abschied

Friedrich Hebbel

1829

Hier stehn wir unterm Apfelbaum, Hier will ich von dir scheiden, Hier träumte ich so manchen Traum, Hier trägt sich auch ein Leiden.

Hier sah ich dich zum erstenmal, In winterlicher Öde! Wie war der Baum so nackt und kahl, Wie warst du kalt und spröde!

Doch bald ergrünte Zweig nach Zweig, Und alle Knospen trieben. Da sprang dein Herz, den Knospen gleich, Da fingst du an, zu lieben.

Wie ist er jetzt von Blüten voll! Wie wird er reichlich tragen! Doch, wer ihn für dich schütteln soll, Das wüßt′ ich nicht zu sagen.

Hei! Wie dich säuselnd jener Ast Mit rotem Schnee bestreute, Als ob er schon die schwere Last Der künft′gen Früchte scheute!

Wenn übers Meer der Herbstwind pfeift Und an dem Mast mir rüttelt, So denke ich: sie sind gereift, Und er ist′s, der sie schüttelt!

Und muß mein Schiff vor seinem Braus Gar an ein Felsriff prallen, So ruf′ ich noch im Scheitern aus: Die schönste will nicht fallen!

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Illustration zu Schiffers Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Schiffers Abschied" von Friedrich Hebbel erzählt von einer Abschiedsszene unter einem Apfelbaum, der zum Symbol für die Entwicklung einer Liebesbeziehung wird. Der Sprecher erinnert sich an den ersten Moment, als er die Frau unter dem kahlen Winterbaum sah, als sie noch kalt und spröde war. Mit dem Erblühen des Baumes im Frühling erwacht auch ihre Liebe, was die tiefe Verbundenheit zwischen Natur und menschlicher Gefühlswelt verdeutlicht. Der Apfelbaum steht nun voller Blüten, doch der Sprecher weiß nicht, wer ihn schütteln soll, um die Früchte zu ernten. Dies ist eine Metapher für die Ungewissheit über die Zukunft ihrer Liebe und wer sie nach seinem Abschied pflegen wird. Der Herbstwind, der die reifen Früchte schüttelt, wird zum Symbol für die Trennung und die Unvermeidlichkeit des Abschieds, da der Sprecher als Schiffer aufs Meer hinausfahren muss. Trotz der Trennung und der Gefahr, die das Meer mit sich bringt, bleibt die Liebe des Sprechers unerschütterlich. Selbst wenn sein Schiff scheitern sollte, würde er noch im Sterben rufen, dass die schönste Frucht – seine Geliebte – nicht fallen wird. Das Gedicht endet mit einem trotzigen Bekenntnis zur Beständigkeit seiner Liebe, unabhängig von den äußeren Umständen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Wie war der Baum so nackt und kahl
Metapher
Die schönste will nicht fallen
Personifikation
Als ob er schon die schwere Last Der künft′gen Früchte scheute
Symbolik
Und muß mein Schiff vor seinem Braus Gar an ein Felsriff prallen
Vergleich
Da sprang dein Herz, den Knospen gleich