Schifferreigen
1906Es kömmt ein Fink geflogen Des Morgens über Meer, Der bringt mir Grüß und Lieder Von meinem Liebchen her.
Wenn ich ein Vogel wäre, Stellt′ ich das Schiffen ein, Und wenn ich wär kein Schiffer, Ein Schwimmer müßt ich sein.
Ich laß mein Schifflein treiben Hinauf, hinab die Flut; Ob Wind und Woge schlafen, Das Schiff sich nimmer ruht.
Gib mir mein Ruder wieder, Und laß das Spielen sein, O Diebin, oder nimm mich In deinen Nachen ein!
Es kömmt ein Schwan gezogen Des Abends auf der Flut; Ich will am Strande liegen, Es träumt sich da so gut.
Es schwimmen auf den Wogen Viel Schiffe groß und klein; Ich kann nicht mit euch fahren, Mein Nachen sank mir ein.
Ich bin zur Welt gekommen In Wogen und in Wind, Und Wind und Wogen wiegten Mich als ein kleines Kind.
Dann bin ich Jungfrau worden, Bekam ein Herz geschwind, Und Herz und Jungfrau waren Wie lauter Wog und Wind.
Bald klar und still zu schauen, Bald wieder wild und kraus; So lock ich manchen Nachen Auf Klipp und Sand hinaus.
Ihr Schiffer, laßt das Singen! Es geht in Wog und Wind. Ihr solltet doch wohl wissen, Was das für Dinge sind.
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Interpretation
Das Gedicht "Schifferreigen" von Wilhelm Müller erzählt eine melancholische Geschichte eines Schiffsfahrers, der von seiner Liebsten getrennt ist. Der Fink, der morgens über das Meer fliegt, bringt ihm Grüße und Lieder von seiner Liebsten, was seine Sehnsucht und Einsamkeit verstärkt. Der Schiffer imaginiert, dass er, wenn er ein Vogel wäre, das Schiffen aufgeben würde, und wenn er kein Schiffer wäre, ein Schwimmer sein müsste, um seiner Liebsten näher zu sein. Die zweite Strophe beschreibt die Unruhe und Rastlosigkeit des Schiffslebens. Das Schiff treibt hinauf und hinab auf der Flut, und selbst wenn Wind und Welle schlafen, ruht sich das Schiff nie aus. Der Schiffer bittet seine Liebste, ihm sein Ruder zurückzugeben oder ihn in ihren Nachen aufzunehmen, um seine Sehnsucht zu stillen und die Einsamkeit zu überwinden. In der dritten Strophe träumt der Schiffer davon, am Strand zu liegen und von seiner Liebsten zu träumen, während ein Schwan am Abend auf der Flut zieht. Er kann nicht mit den anderen Schiffen fahren, da sein Nachen gesunken ist, was seine Isolation und Sehnsucht noch verstärkt. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Schiffer, das Singen zu lassen, da es in Wind und Woge geht, und sie sollten wissen, was für Dinge das sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ich bin zur Welt gekommen, Dann bin ich Jungfrau worden
- Kontrast
- Bald klar und still zu schauen, Bald wieder wild und kraus
- Metapher
- Ich laß mein Schifflein treiben, Gib mir mein Ruder wieder
- Personifikation
- Es kömmt ein Fink geflogen, Es kömmt ein Schwan gezogen
- Symbolik
- Schiff als Symbol für das Leben, Wogen und Wind als Symbole für die Unberechenbarkeit des Lebens
- Vergleich
- Mein Nachen sank mir ein, Herz und Jungfrau waren Wie lauter Wog und Wind