Schicksal

Friedrich Theodor Vischer

1807

I.

Zu Freudenfesten zogen sie hinaus. Zum Täufling geht es in dem Grafenhaus, Den die beglückte Tochter hat geboren; Die andere hat ein Brite sich erkoren: Ein jugendlicher Herzog reicht die Hand Der deutschen Braut im fluthumrauschten Land. Rasch trägt die See das frohe Elternpaar Zur hohen Feier an den Traualtar; Volksjubel grüßt und neben ihrem Sohne, In ihren Locken die Brillantenkrone, Der Kinder Wohl im tiefbewegten Sinn, Steht Englands Königin, Indiens Kaiserin. Und fernher aus des Schwabenlandes Garten Ist eine frohe Botschaft zu erwarten, Denn dort begrüßt der Frühlingssonne Blick Vielleicht schon heut ein neues Mutterglück; Wär’s auch kein Erbe, dem der Krone Pracht Von Weitem schon in seine Wiege lacht, Wer schaute nicht mit menschlich reiner Wonne Ein neu Geschöpf am heitern Licht der Sonne? – Ein Kreis von Festen! Traufest in der Mitte, Und an das erste schließt sich schön das dritte! Drei Tage drauf – Kaum reichte des Dampfrads schnellster Lauf – Stehn sie an einem Grab. Im Abendschein Senkt man die Mutter zu dem Kind hinein.

II.

Du schrittst zum Throne, Dein wartete mit dem geliebten Gatten In goldnen Baldachines Schatten Die Krone. Vermessen nicht giengst du dem Glanz entgegen; Gut will ich sein, dem Land ein Segen, Einfach und gut! gelobt die treue Brust. – Und mitten in des Lenzes Hoffnungsluft Erscheint das Schicksal, schreitet durch das Thor Und hält dir eine Dornenkrone vor Und spricht: gut willst du sein? Schlag ein! Erprob’ es sogleich: stirb ergeben! Verfallen ist dein junges Leben. Sie nickt in Thränen, ihrer Theuren Schmerz, Den eignen nicht, beklagt das brave Herz, Sie nimmt vom Gatten, von dem holden Kind Den schweren Abschied, schweigt und neigt gelind Ihr sterbend Haupt. In sanftem Geisterglanz Nun dornenlos, umleuchtet es der Kranz.

III.

Du weißt, Was Mensch sein heißt, Weißt, was ein Mensch erfahren kann, Du schwergeprüfter Mann! Du hast’s gesehen in der weiten Welt, Geseh’n im Schlachtsturm auf dem blut’gen Feld. Man muß ihn kennen, all der Menschheit Schmerz; Fest wird und mild ein richtig Mannesherz, Das Mensch zu Mensch des Lebens Bild betrachtet. Du hast es nie für einen Raub geachtet, Nah an den Stufen eines Throns zu stehen, Dein Aug blieb offen, rein und klar zu sehen, Und wie du fühltest, ein erfreutes Land Hat es an deiner Liebe Wahl erkannt. Nun aber, nun – du sollst nicht blos gewahren, Erfahren, in des Lebens Mark erfahren Sollst du, was Mensch sein heißt! Gebot der dunkle Weltengeist. Herab vom Himmel des Glücks gewettert, Zu Boden geschmettert, Hin auf ein Grab gegossen, In Thränen zerflossen, Das Herz aus dem Leib gerissen, Nicht fassen, nicht wissen, Was nun soll werden –: So kommt’s auf Erden. Nun kennst du ganz des Lebens dunklen Grund. Du wirst erstehen aus dem finstern Schlund, Denn du bist Mann, doch rein und ungeschwächt Will heilig Weh sein heilig tiefes Recht. Mitweint des Landes Herz und es empfindet In dieser Schicksalswolke, Wie tief das Unglück einen Fürsten bindet Mit feigem Volke. Wir seh’n ein Bild, Ein Wesen mild Aus einem Grabe schweben, Dir das Geleit zu geben, Und wird dir die gefährliche Gewalt, So segnet dich die himmlische Gestalt.

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Illustration zu Schicksal

Interpretation

Das Gedicht "Schicksal" von Friedrich Theodor Vischer thematisiert die Vergänglichkeit des Glücks und die Unausweichlichkeit des Schicksals. In drei Teilen schildert es den Aufstieg und Fall von drei Figuren: einer Königin, einem König und einem Prinzen. Im ersten Teil feiert die Königin die Geburt ihres Enkels, des zukünftigen Thronfolgers. Doch schon drei Tage später steht die Familie an einem Grab, denn die Mutter des Kindes ist gestorben. Das Schicksal hat zugeschlagen und das Glück jäh beendet. Im zweiten Teil geht es um die Königin selbst. Sie tritt ihren Thron an und gelobt, ihrem Land ein Segen zu sein. Doch das Schicksal stellt sie auf die Probe, indem es ihr den geliebten Ehemann und das Kind nimmt. Die Königin muss Abschied nehmen und stirbt schließlich selbst. Doch im Tod findet sie Erlösung und Frieden. Der dritte Teil richtet sich an den Prinzen, der nun König geworden ist. Er hat schon viel Leid in der Welt gesehen, aber nun muss er am eigenen Leib erfahren, was es heißt, ein Mensch zu sein. Das Schicksal stürzt ihn vom Glück in die tiefste Trauer. Doch der Prinz wird diese Prüfung bestehen und gestärkt daraus hervorgehen. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass die verstorbene Königin dem Prinzen als Schutzgeist zur Seite stehen wird.

Schlüsselwörter

mensch land gut herz erfahren lebens frohe krone

Wortwolke

Wortwolke zu Schicksal

Stilmittel

Alliteration
Kaum reichte des Dampfrads schnellster Lauf
Bildsprache
Herab vom Himmel des Glücks gewettert, Zu Boden geschmettert, Hin auf ein Grab gegossen, In Thränen zerflossen
Hyperbel
In ihren Locken die Brillantenkrone
Kontrast
Drei Tage drauf – Kaum reichte des Dampfrads schnellster Lauf – Stehn sie an einem Grab.
Metapher
Dir das Geleit zu geben