Scheue Liebe
1859Oft schon wollt’ ich kühn es wagen: Meine Lieb’ ihr zu bekennen, Wunsch und Sehnen ihr zu nennen, Aber immer stumm und ferne Hielt mich unbekanntes Zagen! Rauh sind Worte! Es zu sagen, Möcht’ ich keine Sprache brauchen; Leis’ in Klänge möcht’ ich’s hauchen, Nur in Hauchen möcht’ ich’s klagen! Spräch’ zu ihr das Licht der Sterne, Wäre Red’ in Blumendüften, Süße Wort’ in linden Lüften, Rief’ ich’s ihr entgegen gerne. Worte würden sie erschrecken, Und doch möcht’ ich, daß sie’s wüßte! – Ihren Zorn fürcht’ ich zu wecken, Daß ich hart es büßen müßte! – Nun, so sprechet denn, ihr Augen, Mit den demuthvollsten Blicken; Scheue Liebe auszudrücken, Stumme Wünsch’ und furchtsam Zagen, Sollt’ ihr ja am besten taugen. –
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Scheue Liebe" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt die innere Zerrissenheit eines Liebenden, der seine Gefühle nicht in Worte fassen kann. Der Sprecher möchte seiner Angebeteten seine Liebe gestehen, wird jedoch von einer unerklärlichen Furcht zurückgehalten. Er findet keine passenden Worte, um seine Emotionen auszudrücken, und fürchtet, dass die Geliebte durch direkte Worte verschreckt werden könnte. Der lyrische Ich versucht, seine Liebe auf andere Weise zu kommunizieren, indem er sich wünscht, dass die Sterne, Blumendüfte oder Lüfte seine Gefühle übermitteln könnten. Diese Naturmetaphern symbolisieren die Sanftheit und Zartheit, mit der er seine Liebe ausdrücken möchte. Doch selbst diese indirekten Methoden erscheinen ihm zu riskant, da er die möglichen Konsequenzen fürchtet. Letztendlich entscheidet sich der Sprecher dafür, seine Liebe durch seine Augen und Blicke auszudrücken. Er bittet seine Augen, mit den demütigsten Blicken seine scheue Liebe, stummen Wünsche und furchtsames Zagen zu übermitteln. Die Augen als Fenster zur Seele werden als das geeignetste Mittel angesehen, um die zarte und zurückhaltende Natur seiner Liebe zu vermitteln, ohne die Geliebte zu verschrecken oder zu verletzen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Leis' in Klänge möcht' ich's hauchen
- Anapher
- Oft schon wollt' ich kühn es wagen: Meine Lieb' ihr zu bekennen, Wunsch und Sehnen ihr zu nennen
- Bildsprache
- Süße Wort' in linden Lüften
- Hyperbel
- Möcht' ich keine Sprache brauchen
- Kontrast
- Und doch möcht' ich, daß sie's wüßte! – Ihren Zorn fürcht' ich zu wecken
- Metapher
- Rauh sind Worte!
- Personifikation
- Spräch' zu ihr das Licht der Sterne
- Rhetorische Frage
- Spräch' zu ihr das Licht der Sterne