Scherzlied

Johann Rist

1885

Freund des Himmels, steht das wol, Fremde Müh′ und Arbeit stehlen? Solches pfleg′ ich zu befehlen Einem, der bald kläglich sol Seine Sünd′ im Regen büßen Und uns segnen mit den Füßen.

Ich bekenn′, es war ja schlecht, Was ich dazumal geschrieben;1 Niemals pflag′ ich das zu lieben, Was ich schreib′, als wär es recht; Auch sogar, daß meine Sachen Keiner könte besser machen.

Weg mit solchem Uebermut! Das sind rechte Midasohren. Andre sind auch keine Thoren. Solcher Stolz thut nimmer gut. Der ist billig klug zu nennen, Der sein′ eigne Fehl kan kennen.

Ich weiß wol, Ihr kluger Hahn, Mich nach meiner Maß zu messen. Ist es aber unterdessen Recht und wol von Euch gethan, Daß Ihr Euch mit Früchten stopfet, Derer Stamm Ihr nie gepfropfet?

Aber ich erinnre mich, Daß Ihr seid gewohnt zu liegen. Was Ihr schreibet von den Kriegen, Ist das wahr? Ja hindersich! Wer nun leugt durch all sein Leben, Ist dem Stehlen auch ergeben.

Lieget, stehlet! Dieß ist klein, Bis Ihr größer Lob erwerbet. Wo Ihr aber vor mir sterbet, Sol dieß Eure Grabschrift sein: Diese Dohl′, so hier vergaben, That kein′ eigne Feder haben.

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Illustration zu Scherzlied

Interpretation

Das Gedicht "Scherzlied" von Johann Rist ist eine satirische Abrechnung mit einem unbekannten Adressaten, vermutlich einem zeitgenössischen Dichterkollegen. Rist kritisiert in diesem Gedicht die Arroganz und Selbstüberschätzung seines Gegenübers, die er als "Midasohren" bezeichnet. Er wirft ihm vor, seine Werke für makellos zu halten und keine Verbesserungsvorschläge zuzulassen. Der Dichter betont die Wichtigkeit der Selbstkritik und des Erkennens eigener Fehler als Zeichen von Klugheit. Rist wirft seinem Gegenüber zudem vor, sich mit den Früchten anderer zu schmücken, ohne selbst einen Beitrag geleistet zu haben. Diese Kritik bezieht sich auf die Aneignung von Ideen und Leistungen anderer Dichter, ohne eigene kreative Arbeit zu leisten. Der Autor stellt die Authentizität der Kriegsdichtungen des Adressaten in Frage und unterstellt ihm, ein Lügner zu sein. Er zieht einen Zusammenhang zwischen Lügen und Stehlen, was auf einen moralischen Verfall hindeutet. Das Gedicht endet mit einer sarkastischen Forderung nach einer Grabinschrift, die den verstorbenen Adressaten als "Dohl" (Dummkopf) beschimpft und ihm die Unfähigkeit zum eigenen Schreiben attestiert. Diese finale Spitze unterstreicht die Verachtung, die Rist für seinen Kritiker empfindet. Das "Scherzlied" ist somit eine bissige Satire, die sich mit Themen wie Arroganz, Diebstahl geistigen Eigentums und moralischer Integrität auseinandersetzt und dabei die Bedeutung von Selbstreflexion und Bescheidenheit in der Dichtkunst hervorhebt.

Schlüsselwörter

wol stehlen sol recht eigne dieß freund himmels

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Stilmittel

Alliteration
Niemals pflag′ ich das zu lieben
Hyperbel
Keiner könte besser machen
Metapher
That kein′ eigne Feder haben
Personifikation
Seine Sünd′ im Regen büßen