Schertz-gedichte an Leonoren

Benjamin Neukirch

1697

So offt ich euch beschau/ ihr angenehme plintzen/ So offt wird auch das hertz in meiner brust bewegt/ Dann unser Friederich ist auff den silber-müntzen So deutlich nicht als wir in euren teig gepregt. Eur erster ursprung kömmt durch weitzen aus der erden/ Wer weiß nicht/ daß wir auch von dieser mutter seyn? Ihr müßt/ so bald ihr reiff/ in stroh gebunden werden/ Uns schleußt man augenblicks in feste windeln ein. Die bauren dreschen euch/ uns aber die tyrannen/ Die in den schulen uns das hintertheil besehn: Denn was der hencker nicht durch bauren weiß zu bannen/ Muß dennoch in der welt durch einen fuchs geschehn. Das ist der erste tantz/ den uns die feinde spielen. Wann euch der flegel nun den buckel abgeklopfft/ So schicket man alsdann die körner in die mühlen/ Und endlich wird das mehl in einen sack gestopfft. So, wann die Herren uns die hülsen abgetreten/ Und wir den Calepin biß auff den band verstehn/ So sehn wir allererst auff Universitäten/ Daß weißheit und verstand auch durch die mühle gehn. Dann was wir vor gelernt/ wird alles umbgekehret/ Man dränget die vernunfft in enge kercker ein/ Biß der gelehrte stein den groben rest verzehret/ Und unsre reden kern/ die sitten tugend seyn. Dann strotzt man wie ein sack vor lauter phantaseyen/ Man zeigt von aussen schon/ was man verborgen trägt/ Und beyde dencken nicht/ indem wir uns erfreuen/ Was zeit und schicksal uns für martern aufferlegt. Inzwischen fallet ihr den weibern in die hände/ Die rühren euch mit milch und weichen eyern ein: Dann setzen sie den teig auff kohlen und auff brände/ Und lassen ihn zur lust mit zucker überstreun. Wir aber müssen uns bey hofe lassen scheren/ Und werden durch die milch der hoffnung zubereit. Die flammen sind der gram/ durch den wir uns verzehren/ Der zucker aber ist die süsse dienstbarkeit. Und nunmehr fangen wir dem wetter an zu trauen/ Es scheint/ daß beyde nun ein neuer stern beglückt. Doch eh die menschen euch/ und wir die welt beschauen/ So werdet ihr in bauch/ und wir ins grab geschickt. Dann euch verschlinget man schon öffters bey dem tiegel/ Wir sterben, eh uns noch die sonne recht bestrahlt. Und also sehen wir uns wie in einem spiegel/ Ihr findet euch in uns/ wir uns in euch gemahlt. Doch eines wird und soll mich biß in tod verdriessen/ Daß man euch in den leib/ uns in den sand begräbt/ Daß euch die jungfern gar in ihre brust verschliessen/ Und unser name kaum auff ihren lippen schwebt. Fürwahr/ ich wolte mich weit besser in sie schicken/ (Ach daß ich ärmster doch nicht eine plintze bin!) Dann dürfft ich erstlich nur biß in den magen rücken/ So käm ich mit der zeit auch wohl zum hertzen hin. Was händel wolt ich da nicht Leonoren machen? Jedoch ich irre mich. Der platz ist schon besetzt. Hier muß ein Gelidor den rosenstock bewachen/ Mich hat der himmel nur der dornen werth geschätzt.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Schertz-gedichte an Leonoren

Interpretation

Das Gedicht "Schertz-gedichte an Leonoren" von Benjamin Neukirch ist ein humorvolles und zugleich tiefgründiges Werk, das die Parallelen zwischen Menschen und Brot aufzeigt. Neukirch vergleicht die Entstehung und das Schicksal von Brot mit dem menschlichen Leben, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren Lebenswegen aufzuzeigen. In den ersten Strophen beschreibt Neukirch die Entstehung von Brot, von der Aussaat des Getreides bis zur Herstellung des Mehls. Er zieht dabei eine Analogie zum menschlichen Leben, indem er die Schule und die Universität als "Mühle" bezeichnet, in der die Menschen durchlaufen und dabei ihre Unschuld und Naivität verlieren. Die "Herrn" und "Tyrannen" in der Schule und die "Calepin" an der Universität stehen symbolisch für die Einflüsse, die das menschliche Denken und Handeln prägen. In den folgenden Strophen geht Neukirch auf die verschiedenen Lebensphasen von Brot und Menschen ein. Während Brot von Frauen zubereitet und mit Süßigkeiten verfeinert wird, müssen Menschen sich beim Hofe "scheren" lassen und durch die "Milch der Hoffnung" "zubereitet" werden. Die "Flammen des Grames" und die "süße Dienstbarkeit" stehen für die Herausforderungen und Freuden im Leben. Neukirch verdeutlicht, dass sowohl Brot als auch Menschen einem ständigen Wandel unterliegen und schließlich ihrem Schicksal erliegen. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert Neukirch über die Vergänglichkeit von Brot und Menschen. Er beklagt, dass Brot in den Magen und Menschen ins Grab geschickt werden, und dass der Name eines Menschen kaum auf den Lippen der Menschen verweilt. Neukirch wünscht sich, er könnte Leonoren auf eine andere Weise begegnen und ihr Herz erreichen, aber er erkennt, dass er nur ein "Dornen" im Vergleich zu einem "Rosenstock" ist, der von einem "Gelidor" bewacht wird. Das Gedicht endet mit einer resignativen Note, in der Neukirch akzeptiert, dass er nur ein Teil des Lebenszyklus ist und dass sein Schicksal mit dem des Brotes verknüpft ist.

Schlüsselwörter

auff biß offt brust teig weiß seyn bauren

Wortwolke

Wortwolke zu Schertz-gedichte an Leonoren

Stilmittel

Alliteration
Wann euch der flegel nun den buckel abgeklopfft
Hyperbel
Und wir den Calepin biß auff den band verstehn
Metapher
Hier muß ein Gelidor den rosenstock bewachen/ Mich hat der himmel nur der dornen werth geschätzt
Personifikation
Die bauren dreschen euch/ uns aber die tyrannen/ Die in den schulen uns das hintertheil besehn
Vergleich
Denn was wir vor gelernt/ wird alles umbgekehret