Schäffer-gedichte. Sylvia

Benjamin Neukirch

1695

Der arme Thyrsis lag nechst unter einer eichen/ Bey quellen/ die an glantz dem hellen silber gleichen/ Und dachte lange zeit dem herben ungemach Und den verkehrungen in seiner liebe nach. Doch endlich lößte sich die stimme seiner zungen/ Und sang/ daß berg und thal von diesen worten klungen: Ach strenge Sylvia! Warumb verachtst du mich? Die sonne brennt und wirfft die strahlen unter sich. Lufft/ feld und erde brennt/ die kühlen ströhme brennen Von flammen/ die auch schon die jungen lämmer kennen: Dein Thyrsis aber fühlt mehr/ weder alle pein/ Und du alleine nur wilst schnee und kälte seyn. So bald ich neulich dich/ (du wirst es noch wohl wissen) Mit auffgeschürtztem rock und halb entblößten füssen/ Als eine jägerin/ durch wald und püsche ziehn/ Und jene hindin sah für deinen waffen fliehn; So dacht ich bey mir selbst: Was fliehstu für den wunden/ O hindin/ die du doch in solchen händen funden? Und gleich den augenblick entbrannte blut und hertz/ Ich fühlt/ ich weiß nicht was für einen seelen-schmertz: Die mutter aber sprach: es wäre brunst und liebe. Was solt ich ärmster thun/ daß ich verschonet bliebe? Ich riß den engen rock biß an den gürtel auff/ Ließ meine schafe stehn/ und sprang in vollem lauff Dir auff dem fusse nach: Allein du warffst die hände Und deinen weissen schleyr (o allzustrenge hände! O allzuharter schleyr!) vor mund und brüste für/ Und flohest ärger noch als wild und hirsch vor mir. Drauff stund ich gantz erstarrt/ gleich wie die matten tauben/ Wenn ihnen pfeil und blitz den süssen buhlen rauben/ Und rieff wohl tausendmahl dir deinen namen nach; Gleich legte sich der wind und wehte gantz gemach. Du aber lieffst mir nach/ indem ich rieff/ zum possen/ Und hattest ohr und hertz/ wie deine brust/ verschlossen. Wer hilfft mir ärmsten nun in meiner schweren pein? Ich lauffe hügel an/ ich steig ins thal hinein; Doch thal und hügel hört mein weinen und mein klagen: Ja Echo will mich gar mit wieder heulen plagen/ Und ist zugleich betrübt. Jedoch ich wünsch allein Verliebt/ und auch allein bey mir betrübt zu seyn. Sonst möchte/ wenn allhier sich falsch und wahr gesellten/ Die Nymphe meinen schmertz auch für erdichtet schelten. Wiewol es ist umsonst mein weinen und mein schmertz: Denn du/ o Nymphe! treibst mit allen beyden schertz. So sehr verachtet mich nicht Phyllis und die Dore: Dann Phyllis band mich nechst mit einem haber-rohre/ Das ihr corallen-mund mit freuden offt geküst/ Und Dore hat mich gar erst heute noch gegrüst. Allein nicht Phyllis mund/ nicht Dorens purpur-wangen Sind mächtig so wie du/ mein treues hertz zu fangen: Der wald wird zeuge seyn/ die oder und der strand/ Und jener erlen-baum/ auff dessen rinden-wand Ich unsre nahmen nächst mit thränen angeschrieben. Ich hab es selbst gesehn/ wie ihre schrifft beklieben. Des abends stunden sie noch weit und unvermengt: Des morgens waren sie wie ketten eingeschrenckt. Dreymal hab ich mit lust diß wunderwerck gelesen/ Und dreymahl bin ich fast für küssen todt gewesen/ O küsse! die nach thau – Was aber hilfft es mich? Die nahmen sind vermählt/ die leiber scheiden sich. Der helle Lucifer bringt schon den dritten morgen; Und dennoch sieht man mich nicht für die schafe sorgen. Die ziegen haben noch kein frisches graß geschmeckt; Die jungen böcke nur die dürre brust geleckt: Ich selber habe noch vom weine nichts genossen/ Kein stücke brod gesehn/ kein auge zugeschlossen. Denn ohne dich vergeht mir alle schäfer-lust/ Und ohne dich ist mir auch kein geschmack bewust. Doch gönnstu einmahl uns nur einen süssen morgen; So will ich wiederumb für meine schafe sorgen. Die ziegen sollen fort und in die weide gehn; Die eyter voller milch/ die böcke truncken stehn: Ich selber aber will den Bachus wieder grüssen/ Nach frischem brodte sehn und neuer ruh geniessen. Und stürbe gleich mein vieh/ mein väterliches gut/ Und aller wiesen-wachs durch feur- und wassers-flut/ So will ich/ wann sie mich nur deiner nicht berauben/ Mich dennoch in der welt am allerreichsten glauben. Wann der beperlte thau des morgens nieder fällt/ Und sich das erste licht der sonnen eingestellt/ Schau ich den tropffen zu/ indem sie sich verbinden/ Ob ich dein bildniß kan in ihren farben finden. Ich sehe vielerley: Nichts aber ist wie du. Das gold schleust seinen glantz für deinen haaren zu. Der reiff muß deiner haut/ der stirne liljen weichen/ Den wangen ist nicht blut und frische milch zu gleichen/ Der mund beschämt rubin/ die zähne helffenbein/ Die augen Phöbus licht und aller sterne schein. Vom andern weiß ich nicht/ wie einem muß geschehen; Weil ich es/ schönste/ nur kan in gedancken sehen. Wenn denn Aurorens schooß die rosen auffgethan/ So schau ich ihre pracht mit steiffen augen an/ Und suche deinen mund in ihren purpur-strahlen: Doch bleib ich zweiffelhafft/ was schwerer sey zu mahlen/ Du/ oder aber sie. Ja/ wenn ich endlich dich Im felde nirgends seh/ so übereil ich mich/ Und denck: Ist nun ihr geist in himmel gar gestiegen? Und kan sie denn zugleich bey sternen und bey ziegen/ Des abends Sylvia/ und früh Aurora/ seyn? So denck ich/ trifft es gleich nicht mit der warheit ein. Ach Sylvia! du wirst nicht ewig so verbleiben. Der tod kan seine lust mit blum und schönheit treiben/ Und du möchtst endlich wohl im alter in dich gehn/ Ich aber weiß mir nicht die schmertzen auszustehn. Schau! Bachus liebt den wein. Weil Bachus wein wird lieben/ Soll sich dein Thyrsis auch in steten flammen üben. Je mehr du für ihm weichst/ je weiter folgt er nach. Denn dir zu g’ringe seyn/ ist weder schimpff noch schmach. Ja solte gleich die zeit den spiegel dir verderben/ Und dein gesichte so wie deine jahre sterben/ So soll mir/ schönste/ doch noch deiner rosen schein/ Und deiner glieder schnee stets für den augen seyn. Ach stoltze Sylvia! Laß deinen zorn sich wenden/ Ich will dir/ wo du willst/ auch wohl geschencke senden. Nicht etwa die der wald und unser garten trägt; Nicht die das reiffe feld uns in die scheuren legt; Nein: Sondern einen putz mit puder überschlagen/ Wie in der stadt itzund die bürger-töchter tragen/ Und einen bunten korb/ den neulich erst Serran Mit grosser kunst gemacht/ Serran/ der kluge mann. Der hirten gröste lust und zierrath unsers landes/ Der alle bürger so an gaben des verstandes Gleich wie die nachtigal die raben übertrifft; Der mich zuerst gelehrt/ wer diese welt gestifft/ Woher ihr roher teig und ihre forme kommen; Wie städte sich gemehrt und wieder abgenommen; Was sonn und monde seyn/ und wie ihr licht die welt Durch seinen steten lauff in der bewegung hält: Der sag ich/ alles mir/ nur dieses nicht gezeiget/ Wie man/ o Sylvia! dein steinern hertze beuget. Doch wo du hierdurch auch nicht zu bewegen bist; So weiß ich ärmster nicht/ was weiter übrig ist/ Als daß ich meinen rumpff an diesen eichbaum hencke. Vielleicht liebst du mich todt/ weil ich dich lebend kräncke. Schreib aber auff mein grab nur noch zu guter nacht: Allhier hat Sylvia den Thyrsis umgebracht.

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Illustration zu Schäffer-gedichte. Sylvia

Interpretation

Das Gedicht "Schäffer-gedichte. Sylvia" von Benjamin Neukirch ist ein pastoraler Liebeskummergesang, der in der Tradition der antiken Hirtenlyrik steht. Der verlassene Liebhaber Thyrsis beklagt seine unglückliche Liebe zu der schönen Sylvia und schildert seine Sehnsucht, Verzweiflung und schließlich seinen Suizidgedanken. Thyrsis sitzt unter einer Eiche und denkt über sein "bitteres Ungemach" und die "Verkehrungen" in seiner Liebe nach. Er beginnt zu singen, woraufhin Berge und Täler von seinen Worten widerhallen. Er beklagt sich darüber, dass Sylvia ihn verschmäht, obwohl er unter der brennenden Sonne und Hitze leidet. Er erinnert sich an eine Begegnung mit Sylvia, als sie als Jägerin durch den Wald zog und eine Hirschkuh vor ihren Waffen floh. Er vergleicht sich mit der Hirschkuh und fühlt sich von Sylvia verschmäht, als er ihr nachlief. Thyrsis beschreibt seine Verzweiflung und Einsamkeit. Er läuft Hügel auf und steigt in Täler hinein, doch Tal und Hügel hören sein Weinen und Klagen. Das Echo will ihn mit wiederholtem Heulen plagen. Er wünscht sich, allein verliebt und allein betrübt zu sein, damit die Nymphe seinen Schmerz nicht für erfunden hält. Doch Sylvia treibt mit beiden, seinem Weinen und seinem Schmerz, Scherz. Andere Frauen wie Phyllis und Dore haben ihn zwar geliebt, aber nicht so sehr wie Sylvia. Er erinnert sich an ein Liebespaar, dessen Namen er in Tränen auf die Rinde eines Erlenbaums geschrieben hat. Am Abend standen die Namen noch weit auseinander, am Morgen waren sie wie Ketten eingeschrenkt. Er hat das Wunderwerk dreimal gelesen und wäre fast vor Küssen gestorben. Doch die Namen sind vermählt, die Körper trennen sich. Thyrsis beschreibt seinen körperlichen und seelischen Verfall. Der helle Morgenstern bringt bereits den dritten Morgen, doch er sorgt sich nicht um seine Schafe. Die Ziegen haben noch kein frisches Gras gekostet, die jungen Böcke nur die trockene Brust geleckt. Er selbst hat noch keinen Wein getrunken, kein Stück Brot gesehen, kein Auge geschlossen. Ohne Sylvia vergeht ihm jede Schäferlust, ohne sie ist ihm auch kein Geschmack bewusst. Er bittet Sylvia, ihm einen süßen Morgen zu gönnen, dann will er sich wieder um seine Schafe kümmern. Die Ziegen sollen in die Weide gehen, die Euter voll Milch, die Böcke trunken stehen. Er selbst will den Bacchus wieder grüßen, nach frischem Brot sehen und neue Ruhe genießen. Selbst wenn sein Vieh sterben würde, sein väterliches Gut und alles Ackerland durch Feuer und Wasser zerstört würde, würde er sich in der Welt am reichsten fühlen, solange Sylvia ihm nicht beraubt würde. Thyrsis beschreibt seine Sehnsucht nach Sylvia. Wenn der perlmuttfarbene Tau des Morgens niedergeht und sich das erste Licht der Sonne einstellt, schaut er den Tropfen zu, ob er ihr Bild in ihren Farben finden kann. Er sieht vieles, aber nichts ist wie sie. Das Gold schimmert in ihren Haaren, der Reif muss ihrer Haut, den Lilien ihrer Stirn weichen, den Wangen ist weder Blut noch frische Milch zu gleichen, der Mund beschämt Rubin, die Zähne Elfenbein, die Augen das Licht des Phöbus und der Glanz aller Sterne. Er kennt das andere nicht, wie es einem gehen muss; er kann es nur in Gedanken sehen. Wenn der Schoß der Aurora die Rosen aufgehen lässt, schaut er ihre Pracht mit starren Augen an und sucht ihren Mund in ihren Purpurstrahlen. Doch er bleibt zweifelhaft, was schwerer zu malen sei, sie oder die Aurora. Wenn er Sylvia auf dem Feld nirgends sieht, überfällt ihn die Angst, ob ihr Geist in den Himmel gestiegen sei und sie gleichzeitig bei den Sternen und bei den Ziegen, abends Sylvia und morgens Aurora sein könne. Thyrsis prophezeit Sylvia, dass sie nicht ewig so verbleiben werde. Der Tod könne seine Lust mit Blume und Schönheit treiben, und sie könnte im Alter in sich gehen. Er aber wisse nicht, wie er die Schmerzen ertragen solle. Er vergleicht sich mit Bacchus, der den Wein liebe. Weil Bacchus den Wein liebe, solle sich auch sein Thyrsis in steten Flammen üben. Je mehr sie vor ihm weiche, desto weiter folge er ihr nach. Für sie zu gering zu sein, sei weder Schimpf noch Schmach. Ja, selbst wenn die Zeit den Spiegel zerstöre und ihr Gesicht wie ihre Jahre sterbe, solle ihr Rosen- und Gliederschnee ihm stets vor Augen sein. Er bittet die stolze Sylvia, ihren Zorn zu wenden. Er wolle ihr, wo sie wolle, auch wohl Geschenke senden, nicht etwa die, die der Wald und ihr Garten trage, nicht die, die das reife Feld in die Scheunen lege, sondern einen Putz mit Puder überschlagen, wie in der Stadt jetzt die Bürgerstöchter tragen, und einen bunten Korb, den neulich erst Serran mit großer Kunst gemacht habe, Serran, der kluge Mann. Thyrsis lobt Serran, den größten Hirten und Zierat ihres Landes, der alle Bürger so an Gaben des Verstandes gleichwie die Nachtigall die Raben übertrifft, der ihn zuerst gelehrt habe, wer diese Welt gestiftet, woher ihr roher Teig und ihre Form kämen, wie Städte sich vermehrt und wieder abgenommen hätten, was Sonne und Mond seien und wie ihr Licht die Welt durch seinen steten Lauf in der Bewegung halte. Er, Serran, habe ihm alles gezeigt, nur dies nicht, wie man, o Sylvia, ihr steinernes Herz beuge. Doch wenn sie sich auch dadurch nicht bewegen lasse, wisse er nicht, was weiter übrig sei, als dass er seinen Rumpf an diesen Eichbaum henke. Vielleicht liebe sie ihn tot, weil er sie lebendig kränke. Er bittet sie, auf sein Grab nur noch "Gute Nacht" zu schreiben: "Hier hat Sylvia den Thyrsis umgebracht."

Schlüsselwörter

seyn gleich sylvia bey mund will thyrsis weiß

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Mutter aber sprach: Es wäre Brunst und Liebe.
Anapher
Ich laufe Hügel an, ich steig ins Tal hinein;
Apostrophe
Ach Sylvia! Laß deinen Zorn sich wenden.
Bildsprache
Der arme Thyrsis lag nechst unter einer eichen/
Enjambement
Doch endlich lößte sich die Stimme seiner Zungen/
Hyperbel
Ich fühle mehr als alle Pein.
Kontrast
Der Tod kann seine Lust mit Blum und Schönheit treiben.
Metapher
Die Sonne brennt und wirft die Strahlen unter sich.
Personifikation
Die kühlen Ströme brennen von Flammen.
Rhetorische Frage
Was sollt ich ärmster tun, daß ich verschonet bliebe?
Symbolik
Der Wald wird Zeuge sein.
Synästhesie
Der helle Lucifer bringt schon den dritten Morgen;
Vergleich
Ich stand ganz erstarrt, gleich wie die matten Tauben.
Übertreibung
Ich bin fast für Küssen todt gewesen.