Schäfers Klage

Sigmund von Birken

1826

Wie wird mir nun geschehen, Da ich dich lassen muß, Und dich nicht mehr soll sehen? Ach, bittrer Scheidegruß! Du reißest dich von mir, O Hirtin, meine Zier! Ich möcht′ in Angst vergehen – Der Tod mich trennt von dir!

Ihr Gräslein, helft mir klagen, Ihr Wäslein allzumal, Die ihr sie oft getragen Hier in dem Pegnitzthal. Ihr seht mich jetzt allein Und traurig treten ein. Mich dünkt, ich hör′ euch fragen: Wo mag die Seine sein?

Wie wird mir doch geschehen, Wenn ich sie nimmer werd′, Wo ich sie sahe, sehen Spaziren um die Heerd′? Wenn sie nicht mehr im Gras Wird sitzen, wo sie saß? Vor Leid werd′ ich vergehen, Von Weinen werden naß.

Der Bach, von meinen Zähren Vermehrt und trüb′ gemacht, Wird auch mein Weinen mehren, Und was ich vorgebracht, Den bittern Scheidegruß, Wird er in schnellem Schuß Nachlispelnd lassen hören Und tragen in den Fluß.

Ihr, die ihr sonst gesprungen, Wenn meine Margaris Zur Tafel euch gesungen, Das Grasmahl machte süß, Es wird euch keine Weid′ Wohl schmecken mehr vor Leid. Wo Lieder sonst erklungen, Wird heulen Traurigkeit.

Ach, mir wird weh′ geschehen. Fahr′ hin, verwich′ne Freud′! Komm an, mich blaß zu sehen! Du kömmst, du schwarzes Leid! Willkommen, Angst und Pein! Ich mag nicht fröhlich sein. Mein Licht mußt′ untergehen, Drum, Nacht, brich du herein!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Schäfers Klage

Interpretation

Das Gedicht "Schäfers Klage" von Sigmund von Birken beschäftigt sich mit dem Thema der Trennung und des Schmerzes, den ein Schäfer aufgrund des Verlusts seiner Geliebten erfährt. Der Schäfer beklagt sich über das bittere Abschiednehmen und die Tatsache, dass er seine Angebetete nicht mehr sehen wird. Er drückt seine tiefe Trauer und Verzweiflung aus und wünscht sich sogar den Tod, um von seinem Schmerz erlöst zu werden. Der Schäfer richtet sich an die Natur um ihn herum und bittet sie, ihm beim Klagen zu helfen. Er erwähnt die Gräser und Wälder, die seine Geliebte oft begleitet haben, und fühlt sich nun allein und traurig. Er imaginiert, dass die Natur ihn fragt, wo seine Angebetete geblieben ist. Der Schäfer fragt sich, wie er ohne sie weitermachen soll und wie er mit dem Verlust umgehen wird. Er befürchtet, dass er vor Leid vergehen und von Tränen durchtränkt werden wird. Der Bach, der durch seine Tränen vermehrt und getrübt wird, soll auch sein Weinen verstärken und den bitteren Abschiedsgruß weitertragen. Der Schäfer erinnert sich an die Zeiten, in denen seine Geliebte Lieder gesungen hat, während sie am Ufer saßen. Nun wird ihm das Grasessen keinen Trost mehr spenden, und anstelle der Lieder wird Traurigkeit herrschen. Der Schäfer akzeptiert sein Schicksal und begrüßt die Dunkelheit und die damit einhergehende Trauer. Er sehnt sich nach der Nacht, um seinen Schmerz zu verbergen und sich in der Dunkelheit zu verlieren.

Schlüsselwörter

geschehen mehr sehen leid lassen scheidegruß angst vergehen

Wortwolke

Wortwolke zu Schäfers Klage

Stilmittel

Anapher
Ach, mir wird weh′ geschehen. Fahr′ hin, verwich′ne Freud′! Komm an, mich blaß zu sehen! Du kömmst, du schwarzes Leid! Willkommen, Angst und Pein!
Metapher
Mein Licht mußt′ untergehen
Personifikation
Der Bach, von meinen Zähren Vermehrt und trüb′ gemacht
Rhetorische Frage
Wo mag die Seine sein?