Satanella

Felix Dörmann

1914

Wenn die Gluten des Weines Dein Antlitz röten, Bleiche Madonna, Dann flieh’ meinen Augen. Ich bete Dich an Und liebe Dich grenzenlos, - Aber nur mit todesblassen Wangen; Doch zeigst Du Dich mir Durchflutet vom Feuer Des spanischen Weines, Sanft erglühend, So faßt mich die Lust, Die schreiende Lust, Dich zu küssen, zu küssen, zu küssen, Und im Kuß zu erdrosseln; - Denn Du mußt bleich sein, Totenbleich.

Ruhbedürftig, liebesübersättigt, Sinkt nach tobenden Genüssen Dein gespensterblasser, Herrlicher Leib Keuchend zurück. Weit geöffnet, in schweren Atemzügen Zittern die Nüstern, Und im leisen Nachkrampf Zerren sich die hochgeschürzten Lippen… Langsam steigt von Deinem tiefgelegnen Onyxdunklen Auge Deines Lides leichtumblauter, Schwerer Schleier. Liebesicher und hochmut-funkelnd Glutet Dein Blick in meinem… Plötzlich, den hilflos-zornigen, Liebezermarterten Leib Machtvoll niederzwingend, Wühlt sich der Wille zur Wollust Nochmals stürmisch auf aus Deiner Seele, Und herüber zu mir Zischt Dein gewaltiges Grauenhaft süßes: “Her zu mir!”

Blaugrünes Ampellicht Flutet in vollen Strömen, Wie zitternder Weihrauchdampf, Wie phosphorschimmernde Mondesgloriole Um Dein weit zurückgebogenes, Geisterhaft herrliches Haupt; Schreckhaft leuchten Aus dem mattgetönten Antlitz Deiner Augen Bräunlich violette Ringe. Düster glosend wie Granaten Wühlen und drängen und bohren sich Deine gewaltigen, bannenden Flammensterne Tief hinein ins Herz meines Herzens… Nein, ich kann nicht, Kann nicht widerstehen Diesem wortlos-heißen Wollen, Dieser liebesirren Bitte - Nimm mich hin!

Ineinander schlingen sich die Glieder… Aus Deinem hoch aufwogenden, Wonnegepreßten Busen quillt Ein seliges Seufzen und Stöhnen… Wieder wirft und biegt sich mein Leib In markaussaugenden Krämpfen der Lust… Durch jede Nervenfaser bebt ein Sturm… . . . Von Deinen blutig gebissenen Lippen bricht Unheimliches Freudengeheul - Weiter wütet die Liebesfeier. . . .

Zerfetzte Kamelien Im heliotrop-durchtränkten, Blauschwarzen Haar; Die strotzende Brust, Dicht an die meine gebettet, Mich umschlingend Mit den kußgeröteten Armen, Mit dem ganzen schlangengeschmeidigen Leib - Also teilst Du mein Lager. Agonie der Wollust, Süß betäubende, Hat Dir langsam Deine fiebernden Sinne Eingeschläfert, Hat die hochgespannten, Pressenden Muskeln Leise gelöst. Ruhig steigt Dein Atem Auf und nieder Und ein Lächeln, Eines glücklichen Kindes Seliges Lächeln, Streift verklärend, Dämon verscheuchend Über Dein Antlitz.

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Illustration zu Satanella

Interpretation

Das Gedicht "Satanella" von Felix Dörmann ist eine sinnliche und intensive Erkundung der Leidenschaft und der dunklen Seite der Liebe. Es beschreibt die Begegnung des lyrischen Ichs mit einer mysteriösen, fast übernatürlichen Frau, die als "Satanella" bezeichnet wird. Die Beziehung zwischen dem Ich und Satanella ist geprägt von einer Mischung aus Anbetung, Begierde und einer fast zerstörerischen Leidenschaft. Im ersten Teil des Gedichts wird die Ambivalenz der Gefühle des lyrischen Ichs deutlich. Es verehrt Satanella, aber nur in ihrem blassen, todähnlichen Zustand. Sobald sie durch Wein oder Leidenschaft errötet, überkommt ihn eine wilde, fast gewalttätige Lust, die bis zum Wunsch reicht, sie im Kuss zu ersticken. Dies deutet auf eine komplexe Dynamik hin, in der Schönheit und Verführung mit Gefahr und Zerstörung einhergehen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Intensität der Begegnung gesteigert. Satanella wird als eine überwältigende, fast übernatürliche Präsenz dargestellt, die das Ich in ihren Bann zieht und ihm jeglichen Widerstand nimmt. Die Beschreibungen sind voller sinnlicher Bilder und Metaphern, die die physische und emotionale Intensität der Szene unterstreichen. Das Gedicht endet mit einem Bild der Erschöpfung und des Friedens, als Satanella in den Armen des Ichs einschläft, wobei ihr Gesicht von einem kindlichen, glücklichen Lächeln erhellt wird. Dieses Ende bietet einen Kontrast zu der vorherigen Intensität und deutet auf eine Art von Erlösung oder Vollendung hin.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Dich zu küssen, zu küssen, zu küssen
Anapher
Zu küssen, zu küssen, zu küssen
Bildsprache
Blaugrünes Ampellicht / Flutet in vollen Strömen
Hyperbel
Und liebe Dich grenzenlos
Kontrast
Aber nur mit todesblassen Wangen; / Doch zeigst Du Dich mir / Durchflutet vom Feuer / Des spanischen Weines
Metapher
Wenn die Gluten des Weines / Dein Antlitz röten
Oxymoron
Grauenhaft süßes: 'Her zu mir!'
Personifikation
Die strotzende Brust, / Dicht an die meine gebettet
Symbolik
Zerfetzte Kamelien / Im heliotrop-durchtränkten, / Blauschwarzen Haar
Vergleich
Wie zitternder Weihrauchdampf, / Wie phosphorschimmernde Mondesgloriole