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Sappho an Alkaïos (Fragment)

Von

Und was hättest du mir denn zu sagen,
und was gehst du meine Seele an,
wenn sich deine Augen niederschlagen
vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,

sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge
hingerissen und bis in den Ruhm.
Wenn ich denke: unter euch verginge
dürftig unser süßes Mädchentum,

welches wir, ich Wissende und jene
mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,
trugen unberührt, daß Mytilene
wie ein Apfelgarten in der Nacht
duftete vom Wachsen unsrer Brüste -.

ja, auch dieser Brüste, die du nicht
wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier
mit dem weggesenkten Angesicht.
Geh und laß mich, daß zu meiner Leier
komme, was du abhältst: alles steht.

Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,
aber wenn er durch den einen geht

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Gedicht: Sappho an Alkaïos (Fragment) von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Sappho an Alkaïos (Fragment)“ von Rainer Maria Rilke ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit der Entfremdung zwischen Liebenden und der Unvereinbarkeit von unterschiedlichen künstlerischen und emotionalen Welten. Es spricht aus der Perspektive der Sappho, der berühmten antiken Dichterin, und richtet sich an Alkaïos, einen anderen Lyriker, der vermutlich von Sappho abgewiesen wurde. Die Fragmenthaftigkeit des Gedichts, durch die Auslassung am Ende angedeutet, spiegelt die Unvollkommenheit und das Scheitern der Kommunikation zwischen den beiden wider.

Die ersten Verse drücken die Enttäuschung und das Unverständnis Sapphos gegenüber Alkaïos aus. Sie fragt nach seinen Absichten und was er ihr, ihrer Seele, eigentlich sagen möchte. Die „niedergeschlagenen Augen“ des Mannes deuten auf Scham oder Unsicherheit hin, was für Sappho das Nichtgesagte, die unausgesprochenen Gefühle, nur noch verstärkt. Sie erkennt, dass er ihr nicht auf Augenhöhe begegnen kann, da er dem Wesen ihrer Kunst und ihren Wertvorstellungen fernsteht. Die Betonung des „Nichtgesagten“ weist auf eine Kluft hin, die durch Worte allein nicht zu überbrücken ist.

Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt Sappho die Besonderheit ihrer künstlerischen und emotionalen Welt. Sie und ihre Gefährtinnen, die „Wissenden“, widmeten sich der Reinheit und dem Reichtum ihrer Gefühle, des „süßen Mädchentums“. Dies wird durch das Bild des „Apfelgartens in der Nacht“ verdeutlicht, der mit seiner Schönheit und seinem Duft die sinnliche und spirituelle Tiefe ihres Lebens darstellt. Die Anspielung auf ihre Brüste, die Alkaïos nicht in der gleichen Weise betrachtete, unterstreicht die Differenz in ihren jeweiligen Wertvorstellungen und der Art und Weise, wie sie Liebe und Schönheit erfahren. Er suchte offenbar nach einer anderen Art von Verehrung, als sie sie zu bieten hatte.

Die abschließenden Verse sind ein Appell an Alkaïos, sie in Ruhe zu lassen und ihren künstlerischen Weg weiterzugehen. Sappho erkennt, dass der „Gott“, also die Inspiration, nicht der Vermittler zwischen ihnen sein kann. Vielmehr offenbart sich der Gott, der die Inspiration verkörpert, nur durch die eine, durch sie selbst. Dies betont die Unvereinbarkeit ihrer Welten, die durch die unterschiedlichen Arten der Liebe und Kunst geprägt ist. Die letzten Worte, die mit dem Gedanken einer höheren Macht verbunden sind, deuten auf die Einsamkeit des Künstlers hin, der sich von der Welt zurückziehen muss, um seiner Bestimmung gerecht zu werden.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.