Sappho an Alkaïos (Fragment)
1907Und was hättest du mir denn zu sagen, und was gehst du meine Seele an, wenn sich deine Augen niederschlagen vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,
sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge hingerissen und bis in den Ruhm. Wenn ich denke: unter euch verginge dürftig unser süßes Mädchentum,
welches wir, ich Wissende und jene mit mir Wissenden, vom Gott bewacht, trugen unberührt, daß Mytilene wie ein Apfelgarten in der Nacht duftete vom Wachsen unsrer Brüste -.
ja, auch dieser Brüste, die du nicht wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier mit dem weggesenkten Angesicht. Geh und laß mich, daß zu meiner Leier komme, was du abhältst: alles steht.
Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier, aber wenn er durch den einen geht
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Interpretation
Das Gedicht "Sappho an Alkaïos" von Rainer Maria Rilke ist ein Fragment, das die Stimme der antiken Dichterin Sappho in einem fiktiven Dialog mit ihrem Geliebten Alkaïos erklingen lässt. Sappho wendet sich an Alkaïos und fragt, was er ihr zu sagen habe und warum er sich in ihre Seele einmische. Sie wirft ihm vor, dass seine Augen sich vor dem "Nichtgesagten" niederschlagen, was auf seine Unsicherheit oder seine Unfähigkeit hinweist, die Tiefe ihrer Gefühle zu erfassen. Sappho betont, dass das Sagen dieser Dinge – die Intensität ihrer Liebe und ihrer künstlerischen Schöpfung – sie beide "hingerissen" und bis in den Ruhm getragen hat. Sie warnt Alkaïos davor, dass ohne ihre Worte und ihre Poesie ihre "süße Mädchentum" – ein Symbol für ihre Jugend, Unschuld und kreative Kraft – unter ihnen verkümmern würde. Sappho und ihre Gefährtinnen, die vom Gott (vermutlich Apollon, dem Gott der Dichtkunst) bewacht wurden, trugen ihre unberührte Schönheit und ihre künstlerische Reinheit. Sie vergleicht ihre Brüste mit einem Apfelgarten in der Nacht, der vom Duft ihres Wachstums erfüllt ist – ein Bild für die Fruchtbarkeit und die kreative Kraft ihrer Dichtung. Sappho fordert Alkaïos auf, sie in Ruhe zu lassen, damit sie zu ihrer Leier kommen kann, die von allem erfüllt ist, was er abhält. Sie betont, dass der Gott (Apollon) nicht der Beistand zweier Menschen ist, sondern dass er durch den einen geht – durch sie, die Dichterin. Das Fragment endet abrupt, was die Intensität und die Unvollständigkeit des Moments unterstreicht. Sappho beansprucht ihre künstlerische Autonomie und weist Alkaïos' Einmischung zurück, um sich ganz ihrer Dichtkunst zu widmen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- mit dem weggesenkten Angesicht
- Anapher
- Und was hättest du mir denn zu sagen, und was gehst du meine Seele an
- Bildsprache
- wenn ich denke: unter euch verginge dürftig unser süßes Mädchentum
- Hyperbel
- wenn ich denke: unter euch verginge dürftig unser süßes Mädchentum
- Metapher
- aber wenn er durch den einen geht
- Personifikation
- Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier
- Vergleich
- daß Mytilene wie ein Apfelgarten in der Nacht duftete vom Wachsen unsrer Brüste