Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
,

Sankt Sebastian

Von

Wie ein Liegender so steht er, ganz
hingehalten von dem großen Willen.
Weitentrückt wie Mütter, wenn sie stillen,
und in sich gebunden wie ein Kranz.

Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt
als sprängen sie aus seinen Lenden,
eisern bebend mit den freien Enden.
Doch er lächelt dunkel, unverletzt.

Einmal nur wird seine Trauer groß,
und die Augen liegen schmerzlich bloß,
bis sie etwas leugnen, wie Geringes,
und ließen sie verächtlich los
die Vernichter eines schönen Dinges.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Sankt Sebastian von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Sankt Sebastian“ von Rainer Maria Rilke beschreibt die Martyriums des Heiligen Sebastian, wobei es sich jedoch nicht um eine bloße Nacherzählung der äußeren Ereignisse handelt, sondern um die innere Haltung und die spirituelle Transformation, die mit der körperlichen Qual einhergehen. Rilke konzentriert sich auf die paradoxe Ruhe und Erhabenheit, die Sebastian während der Folter ausstrahlt.

Die ersten vier Verse etablieren ein Bild der passiven Stärke. Sebastian wird mit einem „Lieger“ verglichen, was auf seine scheinbare Hilflosigkeit hindeutet, aber gleichzeitig betont Rilke, dass er „ganz hingehalten“ ist „von dem großen Willen“. Dieser Wille, der göttliche oder der eigene innere, ist die treibende Kraft, die ihn über die physischen Schmerzen erhebt. Die Vergleiche „weitentrückt wie Mütter, wenn sie stillen“ und „in sich gebunden wie ein Kranz“ deuten auf eine Art von Hingabe und Vollkommenheit hin, die sowohl passiv als auch kraftvoll ist. Sebastian empfängt die Pfeile, ohne zu zerbrechen.

Die zweite Strophe beschreibt den eigentlichen Akt des Martyriums. Die Pfeile werden als etwas dargestellt, das aus Sebastians eigenem Körper zu entspringen scheint („als sprängen sie aus seinen Lenden“), was die Intensität der Schmerzen, aber auch die innere Verbundenheit mit dem Geschehen betont. Trotz der Schmerzen lächelt Sebastian „dunkel, unverletzt“. Dieses Lächeln ist Ausdruck von Überlegenheit und Innerer Freiheit. Es ist nicht nur ein Zeichen der Tapferkeit, sondern auch der Erleuchtung und des Glaubens, die ihn über die Qualen erheben.

In der letzten Strophe wird die einzige emotionale Regung des Heiligen angedeutet: „Einmal nur wird seine Trauer groß“. Diese Trauer, die aber sofort relativiert wird, bezieht sich vermutlich auf das menschliche Leid, das er erfährt, aber auch auf die Verwerflichkeit der Täter, die er mit „Vernichter eines schönen Dinges“ bezeichnet. Die Augen, „schmerzlich bloß“, spiegeln ein kurzes Moment des menschlichen Leidens wider, das jedoch durch das abschließende „verächtlich los“ in eine Haltung der Vergebung oder des Übersteigens verwandelt wird. Durch diese abschließende Geste wird die Tragik in etwas Übermenschliches transzendiert, was das Gedicht mit einer subtilen, aber tiefgründigen Hoffnung versieht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.