Sankt Peter und der Blaustrumpf
1830Ein Weiblein klopft an’s Himmelsthor, Sankt Peter öffnet, guckt hervor: - »Wer bist denn du?« - »Ein Strumpf, o Herr …« Sie stockt, und milde mahnet er: »Mein Kind, erkläre dich genauer, Was für ein Strumpf?« »Vergieb - ein blauer.« Er aber grollt: »Man trifft die Sorte Nicht häufig hier an unsrer Pforte. Seid samt und sonders freie Geister, Der Teufel ist gar oft nicht dreister, Geh hin! er dürfte von dir wissen, Der liebe Herrgott kann dich missen.« - »Das glaub ich wohl - doch ich nicht Ihn, O Heilger, wolle noch verziehn!« Sie wagt es, sein Gewand zu fassen, Hat auf die Knie sich sinken lassen: »Du starker Hort, verstoß mich nicht, Laß blicken mich in’s Angesicht Des Ewgen, den ich stets gesucht.« - »In welcher Weise, ward gebucht; Man strebt ihm nach, wie’s vorgeschrieben, Du bist uns fern und fremd geblieben.« Das Weib blickt flehend zu ihm auf: »Wär dir bekannt mein Lebenslauf, Du wüßtest, daß in selgen Stunden Ich meinen Herrn und Gott gefunden.« Der Pförtner stutzt: »Allwo? - Sprich klar!« - »Daselbst, wo ich zu Hause war, (Mein Handwerk brachte das mit sich) Im Menschenherzen. Wunderlich War dort der Höchste wohl umgeben; Oft blieb von seines Lichtes Weben Ein glimmend Fünklein übrig nur Und führte doch auf Gottes Spur. Ob er sich nun auf dem Altare Den Frommen reicher offenbare - Das zu entscheiden ist dein Amt: Bin ich erlöst? bin ich verdammt?« Sankt Peter zu derselben Frist Etwas verlegen worden ist, Dacht eine gute Weile nach, Nahm endlich doch das Wort. Er sprach Und rückt dabei den Heilgenschein: »Besprich es drin - ich laß dich ein.«
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Interpretation
Das Gedicht "Sankt Peter und der Blaustrumpf" von Marie von Ebner-Eschenbach handelt von einer Prostituierten, die an das Himmelstor klopft und Einlass begehrt. Der Erzengel Sankt Peter weist sie zunächst ab, da er Prostituierte nicht für würdig hält, ins Paradies zu gelangen. Doch die Frau bittet so eindringlich und erklärt, dass sie Gott in den Herzen der Menschen gefunden habe, dass Petrus schließlich nachgibt und sie einlässt. Das Gedicht thematisiert die Frage nach der Erlösung und ob auch Menschen, die in der Gesellschaft als unmoralisch gelten, wie Prostituierte, nach dem Tod in den Himmel kommen können. Die Prostituierte argumentiert, dass sie Gott in den Herzen der Menschen gefunden habe und dass ihr Handwerk sie dazu gezwungen habe, sich in dieser Welt zu bewegen. Sie bittet Petrus inständig, sie nicht abzuweisen und lässt nicht locker, bis er schließlich nachgibt. Das Gedicht stellt die gängigen moralischen Vorstellungen in Frage und plädiert für ein inklusiveres Verständnis von Erlösung und göttlicher Gnade. Es zeigt, dass auch Menschen, die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, eine spirituelle Erfahrung machen und Gott finden können. Letztendlich lässt Petrus die Frau ein, was als Zeichen der Barmherzigkeit und des Mitgefühls interpretiert werden kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Besprich es drin - ich laß dich ein
- Anspielung
- Sankt Peter und der Blaustrumpf
- Bildsprache
- Im Menschenherzen. Wunderlich War dort der Höchste wohl umgeben
- Hyperbel
- Der Teufel ist gar oft nicht dreister
- Ironie
- Sie stockt, und milde mahnet er: 'Mein Kind, erkläre dich genauer, Was für ein Strumpf?'
- Kontrast
- Ob er sich nun auf dem Altare Den Frommen reicher offenbare
- Metapher
- Ein Weiblein klopft an's Himmelsthor
- Personifikation
- Sankt Peter öffnet, guckt hervor
- Rhetorische Frage
- Bin ich erlöst? bin ich verdammt?