Säcksche Festspiele

Kurt Tucholsky

1890

In jeder Stadt streicht ein Nabolium sich die schwarze Locke aus seiner Stirn – jedweder Bürger prangt in prallem Waffenrocke und einem blanken Pappmaché-Theaterhirn.

Zweihundert Pferde machen Staub und andre Sachen – ein Böller kracht … Handlungsgehilfen, Handwerksmeister wachen lang hingestreckt, auf Posten, in der Sommernacht.

Ein Orden winkt; laut klopfen aller Herzen – bengalisch Feuer flammt … Ein Sängerchor greift tief erregt in falsche Terzen, Nabolium schwitzt, und Yorckn rutscht die Hose – au verdammt!

Die Brücke fliegt! Gehulter und Gepulter … Ein lebend Bild – wer hätte das gedacht! Und nachher kloppt der Zar dem Friedrich Wilhelm auf die Schulter: »Das hammer ganz fermost gemacht!«

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Illustration zu Säcksche Festspiele

Interpretation

Das Gedicht "Säcksche Festspiele" von Kurt Tucholsky beschreibt satirisch eine pompöse Militärparade oder ein Festspiel, bei dem sich die Bürger in prunkvoller Uniform präsentieren und von Pferden und Böllern begleitet werden. Die Atmosphäre ist von Patriotismus und Erregung geprägt, wie der Orden und das bengalische Feuer zeigen. Die Beschreibung der Menschen mit "blankem Pappmaché-Theaterhirn" deutet jedoch darauf hin, dass die ganze Veranstaltung eher eine oberflächliche Show als ein ernsthafter Anlass ist. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt den eigentlichen Höhepunkt der Veranstaltung, bei dem eine Brücke "fliegt" und ein "lebend Bild" präsentiert wird. Dies könnte sich auf eine Nachstellung einer historischen Schlacht oder einen ähnlichen Spektakel beziehen. Die Reaktion der Zuschauer, die "gehultert und gepulter" sind, deutet auf eine Mischung aus Erstaunen und Belustigung hin. Der letzte Vers, in dem der Zar dem Friedrich Wilhelm auf die Schulter klopft und das Geschehene als "hammer ganz fermost gemacht" bezeichnet, unterstreicht die satirische Natur des Gedichts. Die Verwendung von falschem Deutsch und die unpassende Reaktion des Zaren auf das Spektakel machen deutlich, dass Tucholsky die ganze Veranstaltung als lächerlich und überflüssig empfindet. Das Gedicht kritisiert damit die militaristische und nationalistische Stimmung in Deutschland zu dieser Zeit.

Schlüsselwörter

nabolium jeder stadt streicht schwarze locke stirn jedweder

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Stilmittel

Alliteration
Handlungsgehilfen, Handwerksmeister wachen
Bildsprache
bengalisch Feuer flammt
Hyperbel
Zweihundert Pferde machen Staub und andre Sachen
Ironie
Das hammer ganz fermost gemacht
Metapher
jeder Bürger prangt in prallem Waffenrocke
Personifikation
In jeder Stadt streicht ein Nabolium sich die schwarze Locke aus seiner Stirn
Sprachliche Verfremdung
Yorckn rutscht die Hose – au verdammt!