′s Gewandhaus

Georg Bötticher

1849

Res severa verum gaudium (Inschrift am Gewandhaus)

»Zu diesen Gaudjum gommt mer sehre schwere« - So gennde mr de Inschrift iewerdragen, Die uff ladeinisch an Giebel angeschlagen: Ja heernse, wenn - ′s Abonnemang nich wäre!

Hat mr dann awer mal de seltne Ehre An een von dän beriehmden Donnerschdagen, Ich sage Sie, da muß mr werklich fragen: Sein Sie das Leibzger oder Engel-Cheere?!

Berauscht von Vortrag änner Brachtsonade Schwelgt hier de Hautvolée in heechsten Staade Un meischenstill, als lägk ä Schlaf auf allen -

Bis - wenn de letzten Deene samft entschweben - Mit eemal ä Abblaus sich duhd erheben, Daß dr de Fliegen von den Wänden fallen!

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Illustration zu ′s Gewandhaus

Interpretation

Das Gedicht "s Gewandhaus" von Georg Bötticher beschäftigt sich mit der Kontrastierung von Ernsthaftigkeit und Freude, wie sie durch die lateinische Inschrift "Res severa verum gaudium" am Gewandhaus in Leipzig zum Ausdruck kommt. Die Inschrift, die übersetzt "Ernsthaftigkeit ist wahre Freude" bedeutet, wird humorvoll in den sächsischen Dialekt übertragen, was die Ironie und den spielerischen Umgang mit der ursprünglichen Bedeutung unterstreicht. Der Dichter deutet an, dass die wahre Freude erst dann entsteht, wenn man das Abonnement des Gewandhauses hat, was impliziert, dass die regelmäßige Teilnahme an den Konzerten die wahre Freude bringt. In den folgenden Versen schildert der Dichter die Erfahrung eines seltenen Ehrentages im Gewandhaus, an dem man sich fragen muss, ob die anwesenden Personen Leibzige oder Engel sind. Dies deutet auf die erhabene und fast göttliche Atmosphäre hin, die während der Konzerte herrscht. Die "Brachtsonade", ein Wortspiel aus Bracht (einem sächsischen Wort für Vortrag) und Sonate, beschreibt die überwältigende Wirkung der Musik, die das Publikum in höchste Zustände versetzt. Die Stille, die während der Aufführung herrscht, wird mit einem Schlaf verglichen, der auf allen Anwesenden liegt, was die tiefe Konzentration und den Respekt vor der Musik unterstreicht. Abschließend wird die Reaktion des Publikums nach dem letzten Ton beschrieben. Mit einem Mal erhebt sich ein Applaus, der so stark ist, dass er metaphorisch gesagt die Fliegen von den Wänden fallen lässt. Diese bildhafte Sprache verdeutlicht die Intensität der Begeisterung und die kollektive Erleichterung, die nach einer beeindruckenden musikalischen Darbietung entsteht. Das Gedicht fängt somit die einzigartige Atmosphäre des Gewandhauses ein, in der Ernsthaftigkeit und Freude in einem harmonischen Zusammenspiel erlebt werden.

Schlüsselwörter

inschrift res severa verum gaudium gewandhaus diesen gaudjum

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
»Zu diesen Gaudjum gommt mer sehre schwere«
Ironie
Sein Sie das Leibzger oder Engel-Cheere?!
Kontrast
Und meischenstill, als lägk ä Schlaf auf allen
Metapher
Berauscht von Vortrag änner Brachtsonade
Personifikation
daß dr de Fliegen von den Wänden fallen
Übertreibung
Daß dr de Fliegen von den Wänden fallen