Ruhe

Johann Gottfried Seume

1763

Ruhe jeder Leidenschaft Tränkt das Herz mit Götterkraft; Ruhe stählet Sehn’ und Mark, Macht zu jeder Bürde stark.

Ruhe führt des Sehers Sinn Höher durch die Welten hin, Wo er Orionen mißt Und der Erde Sand vergißt.

Ruhe senkt des Weisen Blick Tiefer zu der Brüder Glück; Ruhe mißt am Lebensstab Richtig Zweck und Mittel ab.

Ruhe zückt des Kriegers Schwert Blitzender für Haus und Herd; Ruhe biethet der Gefahr Fester Stirn und Busen dar.

Ruhe scheucht wie Sonnenblick Nebel von dem Pfad zurück; Ruhe lehrt, was gut und schön, In dem hellsten Lichte sehn,

Ruhe reihet jedes Ding In der Kette rechten Ring; Ruhe bleibet, immer rein, Jeder Freude Probestein.

Ruhe zieht aus Gottes Luft Süßer seines Lenzes Duft; Ruhe schmeckt der Traube Blut Geistiger zu hohem Muth.

Ruhe trinkt zum zweyten Mahl Aus der Freude Festpokal; Ruhe trägt die Freuden heim, Wie die Biene Honigseim.

Ruhe hat bey schwarzem Brot Götterkost im Abendroth; Ruhe schöpft zum Nectartrank Wasser von der Rasenbank.

Ruhe trotzt dem nahen Sturm Wie die Wach’ im Felsenthurm; Ruhe sieht ins offne Grab Ohne Herzensangst hinab.

Ruhe nicht, die ohne Sinn, Ohne Schaden und Gewinn, Wie die Schlafsucht um sich gähnt, Aber kaum die Glieder dehnt;

Ruhe nicht, die matt und stumpf Bey dem Menschenelend dumpf, Ohne Herz und Regung sitzt, Und den Schweiß der Dummheit schwitzt;

Ruhe nicht, die auf die Qual, Auf die Leiden ohne Zahl Ihrer Mitgeschöpfe schielt, Aber nichts mit ihnen fühlt.

Ruhe, welche über Welt Kopf und Herz in Eintracht hält; Ruh der Tugend und ihr Lohn, In der Hütt’ und um den Thron.

Ruhe, die mit süßem Hang Tröstung reicht und Labetrank; Ruhe, die den letzten Deut Einem ärmern Bruder beut.

Ruhe, welche Säcke Gold Wie die Kieselwacken rollt; Ruhe, die am Hochgericht Wie bey Bechern Wahrheit spricht.

Ruhe, wie Elysium In der Seele Heiligthum, Die mit stiller Majestät Durch die große Schranke geht.

Diese Ruhe hält noch fest, Wenn uns Welt und Sinn verläßt, Drückt uns sanft die Augen zu; Himmel, gib mir diese Ruh!

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Illustration zu Ruhe

Interpretation

Das Gedicht "Ruhe" von Johann Gottfried Seume ist eine tiefgründige Meditation über die Bedeutung und die vielfältigen Facetten der Ruhe. Seume stellt die Ruhe als eine Art göttliche Kraft dar, die das Herz stärkt, den Geist erhebt und den Menschen befähigt, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Die Ruhe wird als eine Quelle der Inspiration und Weisheit dargestellt, die es dem Seher ermöglicht, höhere Sphären zu erkunden und dem Weisen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Im Verlauf des Gedichts wird die Ruhe als eine stabilisierende Kraft beschrieben, die den Krieger in die Lage versetzt, mutig für sein Zuhause und seine Familie einzustehen. Sie wird auch als eine klärende Kraft dargestellt, die den Nebel der Verwirrung vertreibt und es ermöglicht, das Gute und Schöne im hellsten Licht zu sehen. Die Ruhe wird als ein verbindendes Element dargestellt, das alles in der richtigen Reihenfolge zusammenfügt und als ein Prüfstein für jede Freude dient. Im letzten Teil des Gedichts betont Seume die spirituelle Dimension der Ruhe. Sie wird als ein himmlischer Ort der Seele dargestellt, der Trost und Erfrischung spendet, selbst im Angesicht von Tod und Gericht. Die Ruhe wird als eine Kraft beschrieben, die selbst dann noch festhält, wenn die Welt und der Sinn des Menschen versagen, und die sanft die Augen schließt. Das Gedicht endet mit einem Gebet um diese Art von Ruhe, was ihre tiefe Bedeutung und ihren Wert im Leben des Menschen unterstreicht.

Schlüsselwörter

ruhe jeder herz sinn bey sehn mißt freude

Wortwolke

Wortwolke zu Ruhe

Stilmittel

Anapher
Ruhe, welche über Welt Kopf und Herz in Eintracht hält;
Apostrophe
Himmel, gib mir diese Ruh!
Hyperbel
Ruhe mißt am Lebensstab Richtig Zweck und Mittel ab.
Kontrast
Ruhe nicht, die ohne Sinn, Ohne Schaden und Gewinn,
Metapher
Drückt uns sanft die Augen zu;
Parallelismus
Ruhe zieht aus Gottes Luft Süßer seines Lenzes Duft; Ruhe schmeckt der Traube Blut Geistiger zu hohem Muth.
Personifikation
Die mit stiller Majestät Durch die große Schranke geht.
Symbolik
Ruhe, welche über Welt Kopf und Herz in Eintracht hält;
Vergleich
Ruhe trotzt dem nahen Sturm Wie die Wach' im Felsenthurm;