Ruhe und Ordnung

Kurt Tucholsky

1890

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben, wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben - das ist Ordnung. Wenn Werkleute rufen: “Lasst uns ans Licht! Wer Arbeit stiehlt, der muss vors Gericht!” Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen, wenn dreizehn in einer Stube pennen - das ist Ordnung. Wenn einer ausbricht mit Gebrüll, weil er sein Alter sichern will - das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee jubeln - und sommers am Comer See - dann herrscht Ruhe. Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln, wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln - dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören. Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören. Nur nicht schrein. Mit der Zeit wird das schon. Alles bringt euch die Evolution. So hat’s euer Volksvertreter entdeckt. Seid ihr bis dahin alle verreckt? So wird man auf euern Gräbern doch lesen: sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

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Illustration zu Ruhe und Ordnung

Interpretation

Das Gedicht "Ruhe und Ordnung" von Kurt Tucholsky ist eine scharfe Gesellschaftskritik, die den scheinbaren Frieden und die Ordnung einer ungerechten Gesellschaft als Schein entlarvt. Tucholsky verwendet eine ironische Gegenüberstellung von "Ordnung" und "Unordnung", um die Absurdität der gesellschaftlichen Zustände aufzuzeigen. In den ersten beiden Strophen beschreibt Tucholsky die "Ordnung" als Ausbeutung der Arbeiterklasse, die unter schlechten Arbeitsbedingungen schuften muss, während die "Unordnung" als Aufbegehren gegen diese Zustände dargestellt wird. Die "Ordnung" ist geprägt von Armut, Krankheit und Überbevölkerung, während die "Unordnung" als Kampf um ein besseres Leben und soziale Gerechtigkeit interpretiert wird. Die dritte Strophe lenkt den Fokus auf die Reichen, die in Ruhe ihren Luxus genießen, während die "Unordnung" als Bedrohung für ihre Privilegien dargestellt wird. Tucholsky kritisiert hier die Ungleichheit und den Egoismus der Oberschicht, die ihren Reichtum auf Kosten der Arbeiterklasse erlangt haben. In der letzten Strophe fasst Tucholsky seine Kritik zusammen und richtet sich direkt an die Arbeiterklasse. Er macht deutlich, dass die "Ordnung" nur dazu dient, die bestehenden Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und den Hungernden kein Gehör zu schenken. Die "Evolution" wird als leeres Versprechen entlarvt, das die Menschen in ihrem Elend gefangen hält. Tucholsky fordert die Arbeiterklasse auf, sich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen und für ihre Rechte zu kämpfen, anstatt still und ordentlich zu verhungern.

Schlüsselwörter

unordnung ordnung herrscht hauptsache millionen arbeiten leben mütter

Wortwolke

Wortwolke zu Ruhe und Ordnung

Stilmittel

Alliteration
reiche Erben im Schweizer Schnee
Anapher
Wenn ... / Wenn ... / Wenn ...
Chiasmus
Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben, / wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben
Enjambement
Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben, / wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben - / das ist Ordnung.
Hyperbel
wenn dreizehn in einer Stube pennen
Ironie
Das ist Ordnung.
Kontrast
Wenn Werkleute rufen: 'Lasst uns ans Licht!' / Das ist Unordnung.
Metapher
Werkleute rufen: 'Lasst uns ans Licht!'
Personifikation
wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln
Rhetorische Frage
Seid ihr bis dahin alle verreckt?