Romanze zur Nacht

Georg Trakl

1913

Einsamer unterm Stenenzelt Geht durch die Mitternacht. Der Knab aus Träumen wirr erwacht, Sein Antlitz grau im Mond verfällt.

Die Närrin weint mit offnem Haar Am Fenster, das vergittert starrt. Im Teich vorbei auf süßer Fahrt Ziehn Liebende sehr wunderbar.

Der Mörder lächelt bleich im Wein, Die Kranken Todesgrausen packt. Die Nonne betet wund und nackt Vor des Heilands Kreuzespein.

Die Mutter leis′ im Schlafe singt. Sehr friedlich schaut zur Nacht das Kind Mit Augen, die ganz wahrhaft sind. Im Hurenhaus Gelächter klingt.

Beim Talglicht drunt′ im Kellerloch Der Tote malt mit weißer Hand Ein grinsend Schweigen an die Wand. Der Schläfer flüstert immer noch.

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Illustration zu Romanze zur Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Romanze zur Nacht" von Georg Trakl beschreibt eine düstere und surreale Nachtlandschaft, in der verschiedene Figuren ihre individuellen Schicksale durchleben. Die Stimmung ist von Melancholie, Verzweiflung und dem unausweichlichen Zugriff des Todes geprägt. Trakl nutzt die Nacht als Kulisse, um die Abgründe der menschlichen Existenz zu beleuchten und die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen in einem einzigen Moment zu verdichten. Die erste Strophe führt den einsamen Wanderer ein, der durch die Mitternacht geht, und den träumenden Jungen, dessen Gesicht im Mondlicht erbleicht. Diese Figuren symbolisieren die Isolation und die Verletzlichkeit des Menschen in der Nacht. Die zweite Strophe kontrastiert die weinende Närrin mit den Liebenden, die auf einer süßen Fahrt ziehen, und verdeutlicht so die Bandbreite der menschlichen Emotionen und Erfahrungen, die in der Nacht zusammenkommen. In den folgenden Strophen werden weitere Figuren vorgestellt: der Mörder, die Kranken, die Nonne, die Mutter, das Kind und die Menschen im Hurenhaus. Jede dieser Figuren repräsentiert einen Aspekt der menschlichen Existenz, von der Sünde und dem Leiden bis hin zur Unschuld und dem Tod. Die abschließende Strophe mit dem Toten, der an der Wand malt, und dem Schläfer, der flüstert, unterstreicht die allgegenwärtige Präsenz des Todes und die Unausweichlichkeit des Schicksals.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Sein Antlitz grau im Mond verfällt
Bildsprache
Der Tote malt mit weißer Hand
Hyperbel
Sehr wunderbar
Ironie
Im Hurenhaus Gelächter klingt
Kontrast
Sehr friedlich schaut zur Nacht das Kind
Metapher
Einsamer unterm Stenenzelt
Personifikation
Das grinsend Schweigen an die Wand
Symbolik
Des Heilands Kreuzespein