Romanze

Heinrich Christian Boie

1806

Ihr Dirnen, die ihr spröde thut, Schäumt euer jüngferliches Blut Gleich oft zum überkochen, Hört, wie in Schönbeck lästerlich An einem Kammerkätzchen sich Das sprödethun gerochen.

Als Aeffchen ihrer gnädgen Fra Schminkt sie sich salva venia Mit rothen Hasenfüßchen; Belockt sich wie ein Hoffräulein Und schnürt sich dünn und lispelt fein Und nimmt mit grace ein Prieschen.

Als einmal sie Gevatter stund, Da zog und spizte sie den Mund Mon dieu wie mannigfaltig! Schmieds Friedrich warf ihr einen Schmatz Und trank ihr zu: »Mamsell, Ihr Schatz!« Drob brummte sie gewaltig.

»Ein Schatz, parbleu! welch dummer Schnack! Bleib er bei seinem Kohlensack Und laß er meines gleichen!« »Nun, nun, Mamsell, nur kein Gekreisch! Schwernoth! Ihr juckt wohl auch das Fleisch Nach mir und meines gleichen!«

»Du bist der rechte, schrie sie, Du! Solch grobes Mannsvolk stinkt mir zu, Wie Theer an alten Achsen. Verfiel mein Gusto je aufs frein, Soll diese Nacht zum Augenschein Ein schwarzer Bart mir wachsen!«

Sie schlug ein Schnippchen, schnupft’ und trank, Doch klopft ihr gleich das Herz so bang. Ein bös Ding ums Gewissen! Ihr graute nachts, schon juckt es ihr Um Wang’ und Kinn, sie konnte schier Vor Angst kein Auge schließen.

Der Sturmwind saust’ die Nacht hindurch, Die Eule heulet auf der Burg, Die Wehklag’ in den Eichen. Bang zirpen Grillen, Katzen maun, Sie sieht ums Bette voller Graun Die Unterirdschen schleichen.

Als früh sie vor den Spiegel trat, Da einen lauten Schrei sie that, O scheusliches Geschicke! Die Wangen Kinn und Lippen zart Umzog ein schwarzer Judenbart. Sie fiel wie todt zurücke.

Als sie erwacht, o Jemini! Wie schäumte, knirschte, krazte sie, Das Scheusal auszurotten. »Nun Friedrich komm und lache mein! Nun wird der schlechtste Kerl mich scheun Und alle Hurren spotten!«

Sie legt umsonst Pechhauben an, Die Zang ihr auch nicht helfen kann, Sie ist ein Jud und bleibt es. Der Bader beizt am Schandgewächs: Umsonst! kein Doctor, keine Hex, Kein Schinderknecht vertreibt es.

Sie weinte vierzehn Tage lang, Rauft’ ihren Bart, mied Speis’ und Trank Bis Wang’ und Busen sanken. Und aschgrau wie ein Bild von Tusch Entflieht sie in des Burgwalls Busch, Wo Unterirdsche wanken.

Die tanzen froh um sie herum. Seit dem geht sie um zwölfe um Im Reihn der Nachtgespenster. Und wo sie geht, da heults und lachts; Langbärtig kukt sie oft des Nachts In spröder Jungfern Fernster.

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Illustration zu Romanze

Interpretation

Das Gedicht "Romanze" von Heinrich Christian Boie erzählt die Geschichte von Aeffchen, einer jungen Frau, die sich durch ihr sprödes und höfisches Verhalten auszeichnet. Sie schminkt sich, belockt sich und schnürt sich, um männliche Aufmerksamkeit zu erregen. Doch als Schmieds Friedrich ihr einen Schmatz gibt und sie als "Schatz" bezeichnet, reagiert sie beleidigt und verächtlich. In ihrer Wut schwört sie, dass ein schwarzer Bart um ihre Kinn wachsen soll, sollte sie je auf Freier stehen. In der Nacht darauf beginnt Aeffchen zu zittern und fürchtet sich vor den Unterirdischen. Als sie am nächsten Morgen vor den Spiegel tritt, stellt sie entsetzt fest, dass ihr ein schwarzer Judenbart gewachsen ist. In ihrer Verzweiflung versucht sie vergeblich, den Bart loszuwerden. Sie weint vierzehn Tage lang, hört auf zu essen und zu trinken und flieht schließlich in den Busch am Burgwall, wo die Unterirdischen tanzen. Seitdem wandert Aeffchen als Nachtgespenst umher und schaut oft des Nachts in die Fenster spröder Jungfern. Das Gedicht endet mit einer Warnung an alle Dirnen, die sich spröde tun, und deutet an, dass sie ein ähnliches Schicksal ereilen könnte.

Schlüsselwörter

kein trank gleich oft friedrich mamsell schatz gleichen

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Stilmittel

Alliteration
Schminkt sie sich salva venia
Hyperbel
Sie fiel wie todt zurücke
Metapher
Schäumt euer jüngferliches Blut
Onomatopoesie
heults und lachts
Personifikation
Das Scheusal auszurotten