Rokokoesk
1895Cupido, Freund Fährtefinder, Fröhlichstes der Götterkinder, Feinster Finder, schlauster Winder, Quälgeist arger, ungelinder, Komm geschwinder, Mutterwitzig Bübchen du, Säume nicht, so weitvertummelt - Tags verschäckert, nachts verträumt, Lässt du doch sonst mir nicht Ruh. Komm geschwinder, komm geschwinder, Komm geschwinder auf mich zu!
Ha! Die Lockung hat gezogen, Schon bist du hereingeflogen, Süßes Wichtchen, muntres Ding, Ich erhasch dich, ich fass dich, Du entschlüpfst nicht, du entwischst nicht, Übermütger Schmetterling!
Ha! Schon hab ich dich am Kragen, Gut hab ich dich abgepasst, Nun wirst du am Ohr gefasst. Kerlchen, sollst mir manches sagen, Meiner Seele Nichts verhehlen, treu berichten, Nichts von putzigen Geschichten, Schlingel, Bengel, Queruläntchen, Du Hans-Dampf in allen Gassen, Könnt ich mich auf dich verlassen. Leichtsinnsfäntchen Voll graziöser Clownerie, Ungezogner, Viel Verlogner, Spielverbogner, Reine Wahrheit sagst du nie. Stets betrügst du mich ein Quäntchen, Stets hast du die List am Händchen Schlitzohr, du der ohne Heil, Ungerührt, Als wär’s sein Teil, Teils die Leut am Narrenseil, Teils an ihrer Nas rumführt.
Ha, nun hab ich dich am Kragen, Her mit dir, setz dich aufs Knie. Heute, Bürschchen, will ich Klarheit, Reine unverpanschte Wahrheit. Heute wird da nichts geräkelt, Nichts gefockelt, nichts gehauckelt, Nichts geschaukelt, nichts gegaukelt, Nicht ein Träumchen ausgehäkelt. Nein, mit ernstem Angesicht, So, als ging es um dein Leben, Sitzt du mir zum Strafgericht. Knirps, vor dem die Götter beben.
Gehst du sonst mit deiner Goschen Gern in schlickernden Galoschen, Fälschst gar und beschönigst viel, Spitzbub! Heute hilft kein Spiel. Trügst du süßer kleiner Flaps, Wir dir stracks der Sitz verdroschen, Klaps für Klaps Schimmert es auch rosenhold, Wehr dich, denn es geht im Nu, Und ich bin kein Edelbold.
So, nun bist du ausgescholten, All dein Schalk sei nun vergolten. Doch halt still und höre zu. Noch ist nicht mein Zorn erloschen, Ruhig, Freund, drum, ohne Scherz, Höre zu, Mutterwitzig Bübchen du.
Sagst du wahr und bist gefällig, Zeig ich auch mich dann gesellig, Hätschelt, tätschelt dich mein Herz. Hat das Schicksal eine Wiege Vor des Frühlings Tür gestellt, Dass das Kindchen lieblich liege Und als ersten Gruß der Welt Sonne, süße Sonne kriege,
Dass das Kindchen in der Stelle Gleich den jungen Gott erblickt, Der von schon verklärter Schwelle, Herr des Lichts, der Herzenshelle, Welt zu walten sich beschickt
Und mit Jubelruf die Gegend Weckend leicht im Tänzerschritt, Winterwolkenwust zerfegend, Blustbewegend, lusterregend, Sieghaft in sein Zeichen tritt,
Der, sobald sein Aug das kleine Zarte Menschenwesen schaut, Lächelnd weiß, dass dies vermeine, Dass der Sternbeschluss, der reine, Ihm ein Pflegekind vertraut.
Und im Nu ist es ihm teuer, Reich bedenkt er es mit treuer Sorge wachbewusstem Walten, Leiht das flüssig-goldne Feuer Seines Geists zum Ich-entfalten.
Und als Ammen zum Geschäfte Heischt er stille Heiterkeit, Fleißig-feine Aufbaukräfte, Dienlich-reine Wachstumskräfte, Dass das Kleine wohlgedeiht.
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Interpretation
Das Gedicht "Rokokoesk" von Hans Schiebelhuth ist eine humorvolle und ironische Auseinandersetzung mit dem Liebesgott Cupido. Der Sprecher ruft Cupido zu sich und versucht, ihn zu fangen, um von ihm reine Wahrheit und Klarheit zu erhalten. Er beschuldigt Cupido, oft zu lügen und die Menschen zu täuschen. Nachdem er Cupido "ausgescholten" hat, stellt der Sprecher eine Verbindung zwischen Cupido und dem Frühling her. Er deutet an, dass Cupido wie ein Schutzengel über jedem neugeborenen Kind wacht und ihm mit seinem Geist zum Ich-Entfalten verhilft. Der Sprecher vergleicht Cupido mit einem Gott, der die Welt beherrscht und den Winter vertreibt. Abschließend wünscht sich der Sprecher, dass Cupido stille Heiterkeit, aufbauende Kräfte und reines Wachstum als "Ammen" zur Verfügung stellt, damit das Kind gut gedeihen kann. Das Gedicht verbindet also auf ironische Weise die Themen Liebe, Wahrheit und die Anfänge des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mutterwitzig Bübchen du
- Anapher
- Komm geschwinder, komm geschwinder, komm geschwinder auf mich zu!
- Bildsprache
- Winterwolkenwust zerfegend, Blustbewegend, lusterregend
- Hyperbel
- Knirps, vor dem die Götter beben
- Kontrast
- Tags verschäckert, nachts verträumt
- Metapher
- Übermütger Schmetterling
- Metonymie
- Du Hans-Dampf in allen Gassen
- Parallelismus
- Nichts gefockelt, nichts gehauckelt, nichts geschaukelt, nichts gegaukelt
- Personifikation
- Ha! Die Lockung hat gezogen
- Rhetorische Frage
- Dass das Kindchen lieblich liege