Römische Sarkophage
Was aber hindert uns zu glauben, daß
(so wie wir hingestellt sind und verteilt)
nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß
und dies Verwirrende in uns verweilt,
wie einst in dem verzierten Sarkophag
bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern,
in langsam sich verzehrenden Gewändern
ein langsam Aufgelöstes lag
bis es die unbekannten Munde schluckten,
die niemals reden. (Wo besteht und denkt
ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)
Da wurde von den alten Aquädukten
Ewiges Wasser in sie eingelenkt;
Das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Römische Sarkophage“ von Rainer Maria Rilke thematisiert auf subtile Weise die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Suche nach Ewigkeit, indem es das Bild antiker Sarkophage als Metapher für das Wesen des Menschen verwendet. Die ersten vier Verse beschreiben die menschliche Existenz als von „Drang und Haß“ und „Verwirrendem“ geprägt, was die Flüchtigkeit und Unbeständigkeit der Gefühle und Erfahrungen andeutet, die das menschliche Leben bestimmen. Diese Zustände werden als vorübergehend dargestellt, als etwas, das nur „eine kleine Zeit“ andauert, wodurch bereits ein Gefühl der Relativität und Vergänglichkeit erzeugt wird.
Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine konkretere Form an und beschreibt das Innere eines verzierten Sarkophags, in dem sich Überreste von Schmuck, Götterbildern und Stoffen befanden. Die „langsam sich verzehrenden Gewändern“ und das „langsam Aufgelöste“ deuten auf den fortschreitenden Verfall des menschlichen Körpers und der materiellen Dinge hin. Die Zeile „bis es die unbekannten Munde schluckten“ verdeutlicht das endgültige Aufgehen in der Unkenntnis und das Verschwinden der Individualität im Kreislauf des Lebens und der Auflösung. Die Frage nach dem Verbleib des Geistes („Wo besteht und denkt / ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?“) unterstreicht die Ungewissheit und das Rätselhafte des Todes und der Transzendenz.
Der dritte Teil des Gedichts, eingeleitet durch das „Da“, bringt eine Wendung und bietet eine mögliche Antwort auf die vorhergehenden Fragen. Das ewige Wasser aus den Aquädukten, das in die Sarkophage geleitet wurde, symbolisiert die Ewigkeit und die Transformation des Todes. Dieses Wasser wird zum Spiegelbild, das „geht und glänzt in ihnen“, was darauf hindeutet, dass selbst im Tod etwas Fortwährendes, Reines und Unvergängliches existiert. Diese Metapher evoziert das Bild einer Reinigung und Wiedergeburt, in der die irdischen Überreste aufgelöst und in etwas Ewiges überführt werden.
Insgesamt ist „Römische Sarkophage“ eine tiefgründige Reflexion über das menschliche Dasein, die Vergänglichkeit und die Hoffnung auf Transzendenz. Rilke verbindet auf poetische Weise die physische Realität mit abstrakten Ideen, um eine komplexe und vielschichtige Botschaft zu vermitteln. Durch das Bild der Sarkophage, die sowohl das Ende als auch die Möglichkeit einer Transformation darstellen, eröffnet das Gedicht einen Raum für kontemplatives Nachdenken über die Grenzen des menschlichen Lebens und die Suche nach etwas Überdauerndem. Das Gedicht fordert den Leser auf, über die Bedeutung von Leben, Tod und Ewigkeit nachzudenken.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.