Robinson - Freitag findet seinen Vater
1932Doch war es frühe, daß dies Ich entglitt, Das Spiegelbild sich wandelte zum Du: Da war ein alter Mann, und Freitag litt Angst und ertrug Gefahr und fand nicht Ruh Um diesen Greis. Mir war er fremd. Ich ließ Ihm den Geliebten und brach auf zu jagen, Ein böser Geist; Ich tötete. Ich stieß Die Lämmer von der Mutter. Einmal lag Mir Freitag jäh im Wurf, rief: “Töte mich, O Herr, du zürnst!” Mich überfiel die Scham. Ich rief ihn an. Er blieb und weihte sich Dem Tod in Anmut. Als ich näher kam, Lächelte er nach meinem Kuß. Ich hob Ihn sühnend auf, zum reineren Geschick Des Bruders. Er nahms hin. Doch es verwob Seither sich Trauer seinem fremdern Blick.
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Interpretation
Das Gedicht "Robinson - Freitag findet seinen Vater" von Maria Luise Weissmann thematisiert die komplexen Gefühle und Konflikte, die in der Beziehung zwischen Robinson und Freitag entstehen. Es beginnt mit einem Moment der Verwandlung, in dem Freitag einen alten Mann sieht, der ihm Angst und Unruhe bereitet. Robinson, der sich als "böser Geist" bezeichnet, verlässt Freitag, um zu jagen, und tötet dabei sogar Lämmer. Als Robinson zurückkehrt, findet er Freitag in einer hilflosen Position vor, der ihn bittet, ihn zu töten. Robinson überkommt Scham und ruft Freitag zu sich. Freitag bleibt und nimmt den Tod in Anmut an. Nach einem Kuss hebt Robinson Freitag auf und verspricht ihm ein reines Geschick als Bruder. Freitag nimmt dies hin, doch seitdem liegt Trauer in seinem Blick. Das Gedicht zeigt die Ambivalenz der Beziehung zwischen Robinson und Freitag. Einerseits empfindet Robinson Schuld und Scham für sein gewalttätiges Verhalten, andererseits versucht er, durch die Rettung und die Versöhnung mit Freitag seine Schuld zu sühnen. Die Verwandlung des alten Mannes in Freitags Vater symbolisiert möglicherweise die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Freitag, der anfangs Angst und Unruhe verspürt, findet schließlich in Robinson einen Bruder, der ihm Schutz und Geborgenheit bietet. Doch die Trauer in Freitags Blick deutet darauf hin, dass diese Beziehung auch von Verlust und Schmerz geprägt ist. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Schuld, Sühne, Identität und Brüderlichkeit. Es zeigt, wie komplex und widersprüchlich menschliche Beziehungen sein können und wie schwer es ist, Schuld und Verantwortung zu tragen. Die poetische Sprache und die bildhafte Darstellung der Emotionen machen das Gedicht zu einem eindringlichen und nachdenklich stimmenden Werk.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- Doch es verwob Seither sich Trauer seinem fremdern Blick
- Dialog
- Töte mich, O Herr, du zürnst!
- Hyperbel
- Ich tötete
- Metapher
- Zum reineren Geschick Des Bruders
- Personifikation
- Mich überfiel die Scham