Robinson findet Freitag
1932Er blieb, da er mich sah, erschrocken stehn, Ich stand, der ihn erblickte, Stein, verblieben In der Gebärde: himmlischem Vergehn. O Menschen-Wohlgestalt! O Glück, zu lieben Im Blick Verwandtes: Auge, Lippe, Knie, Ein Ohr wie meines, Füße, fünfgespalten, Und Hände, ganz vertraute Form, wie die Sich breitend jetzt, der Schritt, nun aufzuhalten Länger nicht mehr und dort erwidert, scheu… Antwort jetzt meinem Ruf. O süß Getön Von Stimme! Schuf mir zum Gespielen neu Spiegelnd mich Einsamkeit? Bin ich so schön?!
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Robinson findet Freitag" von Maria Luise Weissmann beschreibt die erste Begegnung zwischen Robinson Crusoe und seinem späteren Begleiter Freitag. Die anfängliche Schockstarre und Verblüffung weicht einer tiefen Ergriffenheit, als Robinson die menschliche Ähnlichkeit in Freitags Erscheinung erkennt. Die detaillierte Aufzählung der gemeinsamen Merkmale – Augen, Lippen, Knie, Ohren, Füße und Hände – unterstreicht die Verbundenheit und das Gefühl, im Anderen ein Spiegelbild der eigenen Existenz zu sehen. Die Sprache ist geprägt von einer Mischung aus Staunen und Zärtlichkeit. Die Wiederholung von "O" und die ausführliche Beschreibung der Körperteile vermitteln eine fast andächtige Bewunderung. Robinsons innerer Monolog offenbart eine tiefe Einsamkeit, die durch das plötzliche Auftauchen eines Gleichgesinnten durchbrochen wird. Die Frage "Bin ich so schön?!" am Ende des Gedichts deutet auf eine neu entdeckte Selbstwahrnehmung hin, die nur durch den Blick des Anderen möglich wird. Die Begegnung markiert einen Wendepunkt in Robinsons Isolation. Das anfängliche Zögern und die Scheu weichen einem zögerlichen Annähern, das durch Rufe und Antworten symbolisiert wird. Die "süße Stimme" und die Möglichkeit, einen "Gespielen" zu finden, verweisen auf das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft und Verständigung. Das Gedicht thematisiert somit die existenzielle Bedeutung von Begegnung und Anerkennung im Anderen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- O Menschen-Wohlgestalt! O Glück, zu lieben
- Apostrophe
- O Menschen-Wohlgestalt! O Glück, zu lieben
- Enjambement
- Ein Ohr wie meines, Füße, fünfgespalten, / Und Hände, ganz vertraute Form, wie die / Sich breitend jetzt, der Schritt, nun aufzuhalten / Länger nicht mehr und dort erwidert, scheu...
- Frage
- Bin ich so schön?!
- Metapher
- Ich stand, der ihn erblickte, Stein, verblieben