Revolution
1819»Es wird schon gehn!« ruft in den Lüften Die Lerche, die am frühsten wach; »Es wird schon gehn!« rollt in den Grüften Ein unterirdisch Wetter nach. »Es geht!« rauscht es in allen Bäumen, Und lieblich wie Schalmeienton: »Es geht schon!« hallt es in den Träumen Der fieberkranken Nation.
Die Städte werden reg′ und munter, »Es geht!« erschallt′s von Haus zu Haus; Schon steigt der Ruhm in sie hinunter Und wählt sich seine Kinder aus. Die Morgensonne ruft: »Erwache, O Volk, und eile auf den Markt! Bring auf das Forum deine Sache! Im Freien nur ein Volk erstarkt!
Trag all dein Lieben und dein Hassen Und Lust und Leid im Sturmesschritt, Dein schlagend Herz frei durch die Gassen, Ja bring den ganzen Menschen mit! Lass strömen all dein Sein und Denken Und kehr′ dein Innerstes zu Tag! Die Kindheit braucht dich nicht zu kränken, Wenn du ein Kind von gutem Schlag!«
Die Morgensonne ruft: »Erwache!« Klopft unterm Dach am Fenster an; »Steh auf und schau′ zu unsrer Sache, Sie geht, sie geht auf guter Bahn! Ich lege Gold auf deine Zunge! Ich lege Feuer in dein Wort! So mach′ dich auf, mein lieber Junge, Und schlag dich zu dem Volke dort!«
Er eilt, und es empfängt die Menge Ihn hoffend auf dem weiten Plan; Stolz trägt sein Kind des Volks Gedränge Zur Rednerbühne hoch hinan. Nun geht ein Leuchten und Gewittern Aus seinem Mund durch jedes Herz; Durch goldne Säle weht ein Zittern – Es wird schon gehn, schon fliesst das Erz.
Wie eine Braut am Hochzeitstage, So ist ein Volk, das sich erkennt; Wie rosenrot vom heissen Schlage, Vom Liebespuls ihr Antlitz brennt! Zum ersten Mal wird sie es inne, Wie schön sie sei, und fühlt es ganz: So stehet in der Freiheitsminne Ein Volk mit seinem Siegeskranz.
Doch wenn es nicht von Güte strahlet Wie eine hochbeglückte Braut, So ist sein Lohn ihm ausgezahlet Und seine Freiheit fährt ins Kraut. Ein böses Weib, ein gift′ger Drache Und böses Volk sind all′ ein Fluch, Und traurig spinnt die beste Sache Sich in ihr graues Leichentuch!
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Interpretation
Das Gedicht "Revolution" von Gottfried Keller beschreibt die Entstehung und den Verlauf einer gesellschaftlichen Bewegung. Es beginnt mit einem Aufruf zur Veränderung, der von verschiedenen Elementen der Natur und Gesellschaft ausgeht. Die Lerche und ein unterirdisches Wetter symbolisieren die allmähliche Entwicklung einer revolutionären Stimmung. Die Bäume und die "fiebrige Nation" verstärken diesen Eindruck, indem sie den Wandel ebenfalls bejahen. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Revolution konkret. Die Städte erwachen, und der Ruhm wählt seine Anhänger aus. Die Morgensonne ruft das Volk auf, sich auf dem Markt zu versammeln und seine Anliegen vorzutragen. Es wird betont, dass das Volk seine ganze Persönlichkeit, mit all ihren Facetten, einbringen soll. Die Morgensonne wird zum Symbol der Ermutigung und des Aufbruchs, indem sie dem Einzelnen Gold auf die Zunge und Feuer in die Worte legt. Im dritten Teil des Gedichts wird die Revolution zum Höhepunkt geführt. Ein Redner wird von der Menge auf eine Rednerbühne getragen und entfacht mit seinen Worten Begeisterung. Das Volk fühlt sich wie eine Braut am Hochzeitstag, voller Stolz und Schönheit. Es erkennt sich selbst und seine Stärke in der Freiheit. Im letzten Teil des Gedichts warnt Keller jedoch vor den Gefahren einer Revolution. Wenn das Volk nicht von Güte und Mitgefühl geprägt ist, wird die Bewegung scheitern. Ein böses Volk, so Keller, ist wie ein Fluch und bringt die beste Sache zum Scheitern. Das Gedicht endet mit einem pessimistischen Ausblick, der die Notwendigkeit einer ethischen Grundlage für gesellschaftlichen Wandel betont.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- »Es wird schon gehn!« ruft in den Lüften / Die Lerche, die am frühsten wach; / »Es wird schon gehn!« rollt in den Grüften / Ein unterirdisch Wetter nach. / »Es geht!« rauscht es in allen Bäumen, / Und lieblich wie Schalmeienton: / »Es geht schon!« hallt es in den Träumen / Der fieberkranken Nation.
- Metapher
- Spinnt die beste Sache / Sich in ihr graues Leichentuch
- Personifikation
- Ich lege Gold auf deine Zunge! / Ich lege Feuer in dein Wort!
- Vergleich
- Wie eine Braut am Hochzeitstage, / So ist ein Volk, das sich erkennt