Rettung

Johann Wolfgang von Goethe

1832

Mein Mädchen ward mir ungetreu, Das machte mich zum Freudenhasser; Da lief ich an ein fließend Wasser, Das Wasser lief vor mir vorbei.

Da stand ich nun, verzweiflend, stumm; Im Kopfe war mir′s wie betrunken, Fast wär ich in den Strom gesunken, Es ging die Welt mit mir herum.

Auf einmal hört ich was, das rief; Ich wandte just dahin den Rücken; Es war ein Stimmchen zum Entzücken: “Nimm dich in Acht! der Fluß ist tief.”

Da lief mir was durch′s ganze Blut, Ich seh′, so ist′s ein liebes Mädchen; Ich fragte sie: “Wie heißt du?” - “Käthchen!” “O schönes Käthchen! Du bist gut.

Du hältst vom Tode mich zurück, Auf immer dank′ ich dir mein Leben; Allein das heißt mir wenig geben, Nun sei auch meines Lebens Glück!”

Und dann klagt′ ich ihr meine Not, Sie schlug die Augen lieblich nieder; Ich küßte sie und sie mich wieder, Und - vor der Hand Nichts mehr von Tod!

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Illustration zu Rettung

Interpretation

Das Gedicht "Rettung" von Johann Wolfgang von Goethe erzählt von einem verzweifelten Mann, der nach dem Verrat seiner Geliebten am Ufer eines Flusses steht und kurz davor ist, sich das Leben zu nehmen. Die tiefe Verzweiflung und der Wunsch, dem Schmerz durch den Tod zu entkommen, sind deutlich spürbar. Die Welt erscheint ihm betrunken und er ist kurz davor, in den Fluss zu springen. In diesem Moment der größten Verzweiflung hört er eine Stimme, die ihn warnt: "Nimm dich in Acht! Der Fluß ist tief." Diese Stimme gehört einem Mädchen namens Käthchen, das ihm das Leben rettet. Die Stimme erweckt in ihm neue Hoffnung und erkennt die Möglichkeit einer neuen Liebe. Er fragt nach ihrem Namen und ist sofort von ihr angetan, nennt sie "schönes Käthchen" und dankt ihr für die Rettung vor dem Tod. Das Gedicht endet mit einer Wendung hin zur Hoffnung und zum Glück. Der Erzähler klagt Käthchen sein Leid, sie reagiert schüchtern und sie küssen sich. Die letzte Zeile "Und - vor der Hand Nichts mehr von Tod!" deutet an, dass er nun wieder am Leben hängt und sich auf eine neue Beziehung freut. Das Gedicht zeigt, wie ein plötzliches, unerwartetes Ereignis die Perspektive eines Menschen komplett verändern und ihm neue Lebensfreude schenken kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich seh′, so ist′s ein liebes Mädchen; Ich fragte sie: Wie heißt du? - Käthchen!
Apostrophe
O schönes Käthchen! Du bist gut.
Hyperbel
Es ging die Welt mit mir herum.
Metapher
Nimm dich in Acht! der Fluß ist tief.
Personifikation
Das Wasser lief vor mir vorbei.
Synästhesie
Ich küßte sie und sie mich wieder.