Resignation
1800Auch ich war in Arkadien geboren, auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeschworen, auch ich war in Arkadien geboren, doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.
Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, Mir hat er abgeblüht. Der stille Gott? o weinet, meine Brüder? der stille Gott taucht meine Fackel nieder, und die Erscheinung flieht.
Da steh ich schon auf deiner Schauerbrücke, Ehrwürdge Geistermutter? Ewigkeit! Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke, ich bring ihn unerbrochen dir zurücke, mein Lauf ist aus. Ich weiß von keiner Seligkeit.
Vor deinem Thron erheb’ ich meine Klage, verhüllte Richterin. Auf jenem Stern ging eine frohe Sage, Du thronest hier mit des Gerichtes Waage und nennest dich Vergelterin.
Hier? spricht man? warten Schrecken auf den Bösen, und Freuden auf den Redlichen. Des Herzens Krümmen werdest du entblößen, Der Vorsicht Rätsel werdest du mir lösen und Rechnung halten mit dem Leidenden.
Hier öffne sich die Heimat dem Verbannten, hier endige des Dulders Dornenbahn. Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten, Die meisten flohen, wenige nur kannten, hielt meines Lebens raschen Zügel an.
“Ich zahle dir in einem anderen Leben, gib deine Jugend mir, Nichts kann ich dir als diese Weisung geben,” Ich nahm die Weisung auf das andere Leben, und meiner Jugend Freude gab ich ihr.
“Gib mir das Weib, so teuer deinem Herzen, gib deine Laura mir. Jenseits der Gräber wuchern deine Schmerzen.”? Ich riß sie blutend aus dem Wunden Herzen, und weinte laut, und gab sie ihr.
“Du siehst die Zeit nach jenen Ufern fliegen, die blühende Natur bleibt hinter ihr? ein welker Leichnam? liegen. Wenn Erd und Himmel trümmernd auseinander fliegen, daran erkenne den erfüllten Schwur.”
“Die Schuldverschreibung lautet an die Toten”, hohnlächelte die Welt, “Die Lügnerin, gedungen von Despoten hat für die Wahrheit Schatten dir geboten, du bist nicht mehr, wenn dieser Schein verfällt.”
Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter: “Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht, erzitterst du? Was sollen deine Götter, des kranken Weltplans schlau erdachte Retter, die Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht?”
Ein Gaukelspiel, ohnmächtigen Gewürmen von mächtigem gegönnt, Schreckfeuer, angesteckt auf hohen Türmen, Die Phantasie des Träumers zu bestürmen, wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt."
“Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken? Die Ewigkeit, mit der du eitel prangst? Ehrwürdig nur, weil schlaue Hülle sie verstecken, der Riesenschatten unsrer eignen Schrecken Im hohlen Spiegel der Gewissensangst”;
Ein Lügenbild lebendiger Gestalten, die Mumie der Zeit, vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten Behausungen des Grabes hingehalten, das nennt dein Fieberwahn? Unsterblichkeit?"
“Für Hoffnungen? Verwesung straft sie Lügen? gabst du gewisse Güter hin? Sechstausend Jahre hat der Tod geschwiegen, Kam je ein Leichnahm aus seiner Gruft gestiegen der Meldung tat von der Vergelterin?”
Ich sah die Natur nach deinen Ufern fliegen, die blühende Natur blieb hinter ihr, ein welker Leichnahm, liegen, Kein Toter kam aus seiner Gruft gestiegen, und fest vertraut’ auf den Götterschwur.
All meine Freuden hab ich dir geschlachtet, jetzt werf ich mich vor deinen Richterthron. Der Menge Spott hab ich beherzt verachtet, nur deine Güte hab ich groß geachtet, Vergelterin, ich fordre meinen Lohn.
“Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder! rief unsichtbar ein Genius. Zwei Blumen, rief er? hört es Menschenkinder? Zwei Blumen blühen für den weisen Finder, sie heißen “Hoffnung” und “Genuß.”
Wer dieser Blumen Eine brach, begehre die andre Schwester nicht. Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre ist ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.
Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen, dein Glaube war dein zugewognes Glück. Du konntest deine Weisen fragen, was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.”
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Resignation" von Friedrich von Schiller beschreibt die Enttäuschung eines Menschen, der in seiner Jugend voller Hoffnung und Freude war, aber im Laufe des Lebens nur Tränen und Schmerzen erfahren hat. Der Sprecher fühlt sich von der Natur und den Göttern im Stich gelassen und steht nun am Rande des Todes, ohne an eine Seligkeit zu glauben. Er wirft den Göttern vor, falsche Versprechungen gemacht und ihn betrogen zu haben. Die Welt und die Spötter verspotten seinen Glauben und seine Hoffnung als Illusion und Wahn. Der Sprecher hat alles für seine Hoffnung geopfert und fordert nun seinen Lohn von der Göttin der Vergeltung. Ein unsichtbarer Genius tritt auf und verkündet eine Lehre über zwei Blumen, die für den weisen Menschen blühen: "Hoffnung" und "Genuß". Wer die eine Blume pflückt, soll die andere nicht begehren. Genießen soll, wer nicht glauben kann. Glauben kann, wer entbehren kann. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Der Sprecher hat gehofft, aber sein Lohn ist abgetragen. Sein Glaube war sein zugewogenes Glück. Was man von der Minute ausgeschlagen hat, gibt keine Ewigkeit zurück. Das Gedicht endet mit einer resignativen und fatalistischen Botschaft über die Vergänglichkeit des Lebens und die Nutzlosigkeit der Hoffnung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Auch ich war in Arkadien geboren, auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeschworen, auch ich war in Arkadien geboren
- Apostrophe
- Ehrwürdge Geistermutter? Ewigkeit!
- Metapher
- Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück
- Personifikation
- Der stille Gott taucht meine Fackel nieder