Reisezehrung
1749Entwöhnen sollt’ ich mich vom Glanz der Blicke, Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen. Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen, Ich weiß es wohl und trat bestürzt zurücke.
Nun wußt’ ich auch von keinem weitern Glücke Gleich fing ich an, von diesen und von jenen Notwend’gen Dingen sonst mich zu entwöhnen: Notwendig schien mir nichts als ihre Blicke.
Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speisen, Bequemlichkeit und Schlaf und sonst’ge Gaben, Gesellschaft wies ich weg, daß wenig bliebe.
So kann ich ruhig durch die Welt nun reisen: Was ich bedarf, ist überall zu haben, Und Unentbehrlichs bring’ ich mit - die Liebe.
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Interpretation
Das Gedicht "Reisezehrung" von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigt sich mit dem Prozess der Loslösung von weltlichen Genüssen und der Fokussierung auf das Wesentliche. Der Sprecher beginnt damit, sich von der Anziehungskraft der Blicke zu entwöhnen, was auf eine emotionale oder romantische Bindung hindeutet, die er zu überwinden versucht. Dies deutet auf eine Art innerer Reise oder Transformation hin, bei der der Sprecher lernt, ohne die bisher als notwendig erachteten Dinge zu leben. In der zweiten Strophe setzt der Sprecher diesen Prozess fort, indem er sich von anderen "notwendigen" Dingen entwöhnt, wobei er jedoch eine Ausnahme macht: die Blicke, die er zuvor zu meiden versuchte. Dies könnte darauf hindeuten, dass die emotionale Bindung oder Liebe doch unentbehrlich ist und nicht vollständig abgestreift werden kann. Die Ironie liegt darin, dass der Sprecher, obwohl er sich von vielen Genüssen lossagt, letztlich die Liebe als das Einzige erkennt, was er wirklich braucht. Die letzte Strophe zeigt den Abschluss dieser inneren Reise. Der Sprecher hat sich von Wein, üppigem Essen, Bequemlichkeit und Gesellschaft abgewandt, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diese Reduktion ermöglicht es ihm, "ruhig durch die Welt zu reisen", da er nur das Nötigste benötigt, das überall verfügbar ist. Die Liebe bleibt als unentbehrlicher Begleiter bestehen, was darauf hindeutet, dass sie die einzige wahre Nahrung für die Seele ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Entwöhnen sollt' ich mich vom Glanz der Blicke, / Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen.
- Chiasmus
- Notwendig schien mir nichts als ihre Blicke.
- Enjambement
- Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speisen, / Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben, / Gesellschaft wies ich weg, daß wenig bliebe.
- Metapher
- Des Weines Glut
- Parallelismus
- Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben
- Personifikation
- Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen