Reisegesang

Johann Rist

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So brech′ ich auf von diesem Ort Und zieh′ in deinem Namen fort, Herr Gott, du wirst mich gleiten Und über mich, dein liebes Kind, Das gar nichts ist als Staub und Wind, Die Gnadenflügel breiten, Damit ich mag vor allen Dingen Die Reise glücklich vollenbringen.

Gib, daß die lieben Engelein, Die starken Helden, bei mir sein Auf allen meinen Wegen Und zwischen die, so dieser Zeit Mir nachzustellen sind bereit, Und zwischen mich sich legen; Herr, schütze mich durch deine Gnade, So trifft mich weder Schimpf noch Schade.

Viel treuer Wächter hast du mir Verordnet, daß sie für und für Mein Leben wol bewahren; Wo sie nun brauchen ihre Macht, Da kan mir weder Tag noch Nacht Kein Arges widerfahren, Denn diese Geister sind verbunden, Vor mich zu wachen alle Stunden.

Und sol ich denn mein täglich Brot, Auch was mir sonst zum Leben not, In meinem Haus erwerben, So bleibe du mein Hülf′ und Schutz, Vertreibe weit des Satans Trutz Und laß mich nicht verderben. Wilt du mir nur dein′ Hand verleihen, So darf ich gar kein Unglück scheuen.

Sol ich mich aber fügen hin, Wo müglich ich ein Fremder bin, Und hin und wieder reisen, So wolle ja dein göttlichs Licht Mich auf der Fahrt verlassen nicht, Besondern mir erweisen, Daß du, mein Gott, zu jeden Zeiten Zugegen bist den Wandersleuten.

Dieweil auch sind der Feinde viel, So führe mich zum rechten Ziel, O Herr, auf allen Straßen; Laß deine Diener bei mir stehn, Daß, wie Tobias ist geschehn, Sie nimmer von mir lassen; Denn wann mich diese Helden führen, So kan kein Unfall mich berühren.

Herr, biete mir die Gnadenhand, Ich sei zu Wasser oder Land, In Feldern, Wäldern, Hecken, Da wirst du mich in aller Not Für Räubern, Fallen, Schand und Tod Mit deiner Macht bedecken; Wenn du mir nur wilt Hülf′ erteilen, So kan kein Unfall mich ereilen.

Solt ich auch kommen, wo das Gift Der schnellen Pest die Menschen trifft Und durch die Länder wütet, So schütze mich nach deinem Rat: Ich weiß, der dich zum Führer hat, Der bleibet wol behütet; Sind doch mein Haar′ also gezählet, Daß sonder dich auch eins nicht fehlet.

Sol denn ein Unfall treffen mich, So warne mich, Herr, gnädiglich, Gleichwie der Stern die Weisen; Schweb′ über mir, o du mein Heil, Wie dort die Feur- und Wolkenseul, Auf allen meinen Reisen, Doch wil ich meinen Rat und Willen Nach deinem Rat und Willen stillen.

Verleihe mir, o treuer Gott, Daß ich nicht fall in Sünd und Spott Auf unbekanten Wegen, Daß auch die Feind aus bösem Sinn, Im Fall ich nicht zugegen bin, Kein Unglück mir erregen; Du wollest doch an keinen Enden Die Gnadenhände von mir wenden.

Beschirm′, o Vater, Seel′ und Leib, Samt Ehr′ und Gut, Haus, Kind und Weib, Und was mir mehr gegeben; Und wenn es dir also gefällt, Daß in der Fremd′ ich aus der Welt Zu dir mich sol erheben, So stärke mich, daß ich mit Freuden, Mein Gott, von hinnen möge scheiden.

Drauf reis′ ich hin zu diesem mal Durch Wälder, Felder, Berg und Thal, Weil Gott mir ist zur Seiten; Der wird mich kräftig diesen Weg Und folgends auch den schmalen Steg Zum Himmel wol begleiten. Da werd′ ich ihn denn frölich sehen, Wann nun mein Reisen ist geschehen.

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Illustration zu Reisegesang

Interpretation

Das Gedicht "Reisegesang" von Johann Rist ist ein geistliches Lied, das den Glauben und die Abhängigkeit des Sprechers von Gott während einer Reise thematisiert. Der Sprecher bittet Gott um Schutz, Führung und Begleitung auf seinen Wegen, sei es im Alltag oder auf Reisen. Er vertraut darauf, dass Gott ihn vor Gefahren und Versuchungen bewahrt und ihm die notwendige Kraft gibt, um sein Leben zu meistern. Der Sprecher betont die Allgegenwart Gottes und seine Bereitschaft, sich Gottes Willen zu unterwerfen. Er erkennt seine eigene Schwäche und Vergänglichkeit an und sucht Trost und Stärke in Gottes Gnade. Das Gedicht vermittelt eine tiefe spirituelle Verbundenheit und den Wunsch, in allen Lebenslagen im Einklang mit Gott zu sein. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott im Himmel. Der Sprecher freut sich darauf, Gott nach seinem irdischen Leben voller Freude und Dankbarkeit zu sehen. Insgesamt ist das Gedicht ein Ausdruck des christlichen Glaubens und der Zuversicht, dass Gott den Gläubigen auf ihrem Lebensweg begleitet und beschützt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Viel treuer Wächter
Anapher
Daß du, mein Gott, zu jeden Zeiten Zugegen bist den Wandersleuten
Bildsprache
Durch Wälder, Felder, Berg und Thal
Hyperbel
Da kan mir weder Tag noch Nacht Kein Arges widerfahren
Metapher
Die Gnadenflügel breiten
Personifikation
Die lieben Engelein
Symbolik
Die Feur- und Wolkenseul
Vergleich
Gleichwie der Stern die Weisen