Regen

Klabund

1890

Der Regen rinnt schon tausend Jahr, Die Häuser sind voll Wasserspinnen, Seekrebse nisten mir im Haar Und Austern auf des Domes Zinnen.

Der Pfaff hier wurde eine Qualle, Seepferdchen meine Nachbarin. Der blonde Seestern streckt mir alle Fünfhundert Fühler zärtlich hin.

Es ist so dunkel, kalt und feucht. Das Wasser hat uns schon begraben. Gib deinen warmen Mund - mich deucht, Nichts bleibt uns als uns lieb zu haben.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Regen

Interpretation

Das Gedicht "Regen" von Klabund ist eine surreale und symbolträchtige Darstellung einer Welt, die von Wasser überflutet ist. Der Regen, der bereits seit tausend Jahren fällt, hat eine bizarre Transformation der Umgebung bewirkt. Häuser sind voller Wasserspinnen, und in den Haaren des Sprechers nisten Seekrebse. Die Zinnen des Domes sind von Austern bedeckt, was eine Verflechtung von Natur und Architektur symbolisiert. Die Transformation erstreckt sich auch auf die Menschen. Ein Pfaff wird zu einer Qualle, und die Nachbarin verwandelt sich in ein Seepferdchen. Der blonde Seestern streckt dem Sprecher zärtlich seine Fünfhundert Fühler entgegen, was eine ungewöhnliche Form der Zuneigung oder Verbindung darstellt. Diese Metamorphosen deuten auf eine Auflösung der gewohnten menschlichen Identität und Gesellschaftsstruktur hin. Die Atmosphäre im Gedicht ist düster und bedrückend. Es ist dunkel, kalt und feucht, und das Wasser hat die Menschen bereits begraben. Diese Bildsprache vermittelt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Eingeschlossenseins. Die überwältigende Präsenz des Wassers symbolisiert möglicherweise eine übermächtige Kraft oder ein unentrinnbares Schicksal. Im letzten Vers des Gedichts wird jedoch ein Funke Menschlichkeit und Wärme bewahrt. Der Sprecher bittet um den warmen Mund des Gegenübers und schlägt vor, dass nichts anderes bleibt, als sich zu lieben. Dies kann als eine Aufforderung zur menschlichen Nähe und emotionalen Verbundenheit in einer ansonsten feindlichen und entfremdeten Welt interpretiert werden. Die Liebe wird hier als letzter Ausweg und als einzige Quelle des Trostes in einer von Naturgewalten überwältigten Existenz dargestellt.

Schlüsselwörter

regen rinnt tausend jahr häuser voll wasserspinnen seekrebse

Wortwolke

Wortwolke zu Regen

Stilmittel

Bildlichkeit
Es ist so dunkel, kalt und feucht
Hyperbel
Das Wasser hat uns schon begraben
Metapher
Gib deinen warmen Mund
Personifikation
Der Regen rinnt schon tausend Jahr