Rechtfertigung

Robert Eduard Prutz

1816

Man hat die Poesie verklagt, Man zürnt mit uns Poeten, Daß wir mit stolzem Mut gewagt, Vor unser Volk zu treten: Daß wir gewagt, mit lautem Ton Die Schlummernden zu wecken, Daß wir gewagt, auf ihrem Thron Selbst Könige zu schrecken.

Schaut um euch, sagt man: alles still! Die Lämmer gehn und grasen, Die ganze Welt ist ein Idyll, Was nützt es, Lärm zu blasen? Ihr ruft zur Schlacht tagaus, tagein, Wer soll die Schlachten schlagen? So laßt doch das Trompeten sein, Es will ja doch nichts sagen.

Die Muse ist ein Weib - wohlan! Für Weiber ziemt die Klause. Was ficht denn eure Muse an? Was will sie außerm Hause? Macht Verse wieder, wie zuvor, Singt: blühe, liebes Veilchen, Und findet das kein offnes Ohr, Ja nun, so schweigt ein Weilchen. -

Und wär es auch, und wär es so, Wir wollen doch nicht schweigen! Doch in die Lüfte stolz und froh, Solln unsre Lieder steigen! Und wären alle Lerchen stumm Und alle Nachtigallen, So soll die Freiheit doch ringsum Von allen Zweigen schallen!

Was? Wenn der Mond am Himmel steht Und wenn die Sternlein flimmern, Da soll euch hurtig der Poet Ein Mondscheinliedchen wimmern: Doch wenn aus Nacht und Nebel bricht Der Zukunft goldne Sonne, Da, wollt ihr, soll der Dichter nicht Ausjauchzen seine Wonne?

An jedem Hälmchen, jedem Moos Soll der Poet sich freuen, Er soll die Blumen klein und groß Poetisch wiederkäuen: Doch wie? wenn der Geschichte Baum Laut rauscht mit allen Zweigen, Das freut euch nicht? Das hört ihr kaum? Da soll der Dichter schweigen?

Ihr laßt ihn gerne dies und das Von Rausch und Reben singen, Und wenn der Wein sich rührt im Faß, Soll auch die Leier klingen: Doch wenn der Geist, der ew′ge, gärt, Daß alle Herzen dröhnen, Das dünkt euch nicht Besingens wert, Da soll kein Lied ertönen?

Ihr hört dem Dichter ruhig zu, Singt er von Liebesschmerzen, Ihr kriegt nicht satt sein ewig: du, Du, du liegst mir im Herzen: Doch wenn ein Mann zur Liebsten sich Die Freiheit hat erkoren, Da dünkt das Lied euch kümmerlich, Da schmerzen euch die Ohren?

Nun gut, so rutscht denn auf dem Knie, So räuchert eurem Fetisch Und klagt, die neue Poesie Sei gar zu unästhetisch: Wir kümmern uns den Teufel drum, Wie man uns kritisiere, Und ob ein feines Publikum Uns höchlich degoutiere! -

Dich, deutsche Jugend, dich allein, Dich suchen diese Lieder! Dein Ohr ist wach, dein Herz ist rein, Dein Busen hallt sie wider! Die Jugend nur, die Jugend nur, Die Jugend soll uns hören, Und nicht Kritik und nicht Zensur Soll unsre Lieder stören! -

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Illustration zu Rechtfertigung

Interpretation

Das Gedicht "Rechtfertigung" von Robert Eduard Prutz ist eine leidenschaftliche Verteidigung der Poesie gegen ihre Kritiker. Prutz konfrontiert die Vorwürfe, dass Poesie irrelevant und störend sei, und argumentiert, dass Dichter eine wichtige Rolle bei der Erweckung der Gesellschaft und der Förderung von Freiheit und Fortschritt spielen. Prutz verwendet eindringliche Bilder und Metaphern, um seine Botschaft zu vermitteln. Er vergleicht die Muse mit einer Frau, die nicht in der Klause bleiben sollte, sondern sich in die Welt hinauswagen muss. Er ruft die Dichter auf, ihre Lieder stolz und froh in die Lüfte steigen zu lassen, selbst wenn alle anderen schweigen. Die Freiheit soll von allen Zweigen schallen, und der Dichter soll seine Wonne ausjauchzen, wenn die Zukunft golden wird. Prutz betont auch die Bedeutung der Jugend als Publikum für die Poesie. Er wendet sich direkt an die "deutsche Jugend" und fordert sie auf, aufmerksam und aufnahmebereit zu sein. Kritik und Zensur sollen die Lieder nicht stören, denn die Jugend allein ist das Ziel und der Antrieb für den Dichter. Prutz schließt mit einem trotzigen Aufruf, sich nicht um die Kritik zu kümmern und die Poesie ungeachtet der Meinung eines "feinen Publikums" fortzusetzen.

Schlüsselwörter

soll jugend gewagt lieder alle dichter poesie laßt

Wortwolke

Wortwolke zu Rechtfertigung

Stilmittel

Alliteration
Trompeten sein
Anapher
Du, du liegst mir im Herzen
Aufruf
Dein Ohr ist wach, dein Herz ist rein
Bildsprache
Mondscheinliedchen wimmern
Direkte Ansprache
Dich, deutsche Jugend, dich allein
Hyperbel
Von allen Zweigen schallen
Kontrast
Und wären alle Lerchen stumm / Und alle Nachtigallen
Metapher
Geist, der ew′ge, gärt
Personifikation
Die Schlummernden zu wecken
Rhetorische Frage
Was ficht denn eure Muse an?
Symbolik
Mond am Himmel steht und wenn die Sternlein flimmern