Rechtes Streben
1862Der Schläfer, der im Grase träumend liegt, Bis hoch am Himmel schon der Sonnenwagen, Er kann, wenn dann empor sein Auge fliegt, Des Lichtes helle Klarheit nicht ertragen, Es blendet ihm wie Fackellicht die Augen, Die, weggewandt, nicht mehr zum Sehen taugen.
Nicht so der Andre, der vom Morgengrau′n Mit wachem Auge folgt des Lichtes Spuren, Ihn blendet′s nicht, er kann es offen schau′n, Wenn rings sein Schimmer strahlt auf allen Fluren; Am Quell des Lichtes darf er furchtlos hangen, Der nie verwirrt, wer stets ihm nachgegangen.
O du, der Wahrheit und Erkenntniß sucht, So streb′ ihr nach vom ersten Tagesgrauen, Daß nach und nach dir reift der Klarheit Frucht, Daß aus dir selber wächst die Kraft zum Schauen! Denn Wahrheit, die die Geister selbst erwerben, Wird nie zum Unheil ihnen und Verderben!
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Interpretation
Das Gedicht "Rechtes Streben" von Luise Büchner handelt von der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Es verwendet das Bild eines Schlafenden, der im Gras träumt und plötzlich von der Helligkeit der Sonne geblendet wird, um die Gefahr der unvorbereiteten Konfrontation mit der Wahrheit zu verdeutlichen. Der Schlafende kann das Licht nicht ertragen, da seine Augen nicht daran gewöhnt sind und ihm die Helligkeit wie Fackellicht die Augen blendet. Im Gegensatz dazu steht der "Andre", der von Morgengrauen an mit wachem Auge den Spuren des Lichts folgt. Dieser Mensch wird nicht geblendet, sondern kann die Wahrheit offen schauen, da er sich allmählich an das Licht gewöhnt hat. Das Gedicht betont die Bedeutung des stetigen Strebens nach Wahrheit und Erkenntnis von Anfang an, um die Kraft zu entwickeln, sie zu erkennen und zu verstehen. Nur wer sich kontinuierlich mit der Wahrheit auseinandersetzt, wird sie nicht als "Unheil" oder "Verderben" erleben. Das Gedicht ermutigt den Leser, von Anfang an nach Wahrheit und Erkenntnis zu streben, um sich allmählich an die "Klarheit" zu gewöhnen und die Fähigkeit zu entwickeln, die Wahrheit zu erkennen. Es betont, dass die Wahrheit, die man sich selbst erarbeitet, niemals zum Schaden gereicht. Das Gedicht ist eine poetische Aufforderung zur kontinuierlichen Suche nach Erkenntnis und zur Auseinandersetzung mit der Wahrheit, um sie schließlich erkennen und verstehen zu können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Wahrheit, die die Geister selbst erwerben
- Personifikation
- des Lichtes Spuren
- Vergleich
- Es blendet ihm wie Fackellicht die Augen