Recept wider böse Weiber
1722-Eine Romanze-
Ein armer Ehegatte, Der ohne seine Schuld Die Höll′ auf Erden hatte, Ward endlich der Geduld Nach langen Jahren müde, Und schaffte schnell und klug Sich vor dem Engel Friede, Der ihn mit Fäusten schlug.
Sein Weib war bitterböse, Die Tobsucht rief aus ihr, Bey manchem Zankgetöse: Ein Leides thu ich mir! Ja ja, du Weiberhasser, Du Teufel, der du bist, Ich springe noch ins Wasser, Wo es am tiefsten ist.
Sie sprachs zu tausendmalen, Und sprang ins Wasser nie. Auf neue Männerqualen Dacht ihre Seele früh, Sobald der Tag erwachte. Ihr Dämon, schwarz und klein, Blies ihr im Traum bey Nachte Den Stoff zum Zanken ein.
Einst fieng beym Abendtische Ihr Zorn zu donnern an, Und still, wie stumme Fische, Blieb ihr geplagter Mann; Ließ ihrer frechen Zunge Den Zügel - gab ihr nach, Bis sie vom Wassersprunge Mit blauen Lefzen sprach.
Da warf der Mann sein Messer Tief in den Tisch, und riß Das Weib an ein Gewässer. Hier, sprach er: Thue dieß Was du zu thun beschlossen. Hier springe mir hinab. - Hier sah sie, furchtbegossen, Ins grause Wassergrab.
Sie hieng an seinen Armen Und fühlte Todesquaal; Er aber, ohn Erbarmen, Er tauchte siebenmal Sie unter mit dem Kopfe, Bis sie die Luft verlor: Und hub sie drauf beym Zopfe Stark aus der Fluth empor.
Das Mittel half geschwinde; Sie seufzte leichenblaß: Ach! Männchen, sey gelinde, Ach! liebes Männchen, laß Mich diesesmal nur leben, Und ende meine Pein, Ich will mich gern bestreben, Recht lämmerfromm zu seyn.
Der Mann ließ sich bedingen, Das Weib ward zahm gemacht, Und an kein Wasserspringen Ward künftig mehr gedacht. Sie lebten, sanft wie Tauben, Von keinem Zank gequält, Und alle Welt wirds glauben Weil es ein Weib erzählt.
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Interpretation
Das Gedicht "Recept wider böse Weiber" von Anna Louisa Karsch beschreibt die Geschichte eines Ehemanns, der jahrelang unter dem aggressiven und unberechenbaren Verhalten seiner Frau leidet. Die Frau wird als "bitterböse" dargestellt, die mit Wutausbrüchen und Drohungen ihr Umfeld terrorisiert. Der Ehemann erträgt ihr Verhalten zunächst still, bis er schließlich die Geduld verliert und beschließt, ihr eine Lektion zu erteilen. In einer dramatischen Szene am Abendtisch, als die Frau wieder einmal tobt, führt der Ehemann sie an ein Gewässer. Dort taucht er sie siebenmal unter Wasser, bis sie um Gnade fleht. Die harte Behandlung zeigt Wirkung: Die Frau verspricht, sich künftig "recht lämmerfromm" zu verhalten. Der Ehemann lässt sich auf diesen Deal ein, und fortan leben die beiden "sanft wie Tauben" ohne weitere Zänke. Das Gedicht endet mit einem ironischen Kommentar: "Und alle Welt wirds glauben / Weil es ein Weib erzählt." Damit spielt Karsch auf die Unglaubwürdigkeit von Frauen an und unterstreicht die satirische Natur des Gedichts. Es kritisiert die patriarchalen Strukturen und die Unterdrückung von Frauen, indem es die extreme Reaktion des Ehemanns als Lösung für das "Weiberproblem" präsentiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sein Weib war bitterböse
- Hyperbel
- Sie sprachs zu tausendmalen
- Metapher
- Sie hieng an seinen Armen
- Personifikation
- Die Tobsucht rief aus ihr
- Vergleich
- Sie lebten, sanft wie Tauben