Ratskollegium

Joseph von Eichendorff

1788

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen! Bevor wir uns heute aufs Raten legen, bitt‘ ich, erst reiflich zu erwägen, ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen, heut sogleich mit dem Raten beginnen, oder ob wir erst proponieren müssen, was uns versammelt und was wir alle wissen? - Ich muß pflichtgemäß voranschicken hierbei, daß die Art der Geschäfte zweierlei sei: Die einen sind die eiligen, die anderen die langweiligen. Auf jene pfleg‘ ich cito zu schreiben, die anderen können liegen bleiben. Die liegenden aber geehrte Brüder, zerfallen in wichtge und höchstwichtge wieder. Bei jenen - nun - man wird verwegen, man schreibt nach amtlichem Überlegen more solito hier, und dort ad acta, die Diener rennen, man flucht, verpackt da der Staat floriert und bleibt im Takt da. Doch werden die Zeiten so ungeschliffen, wild umzuspringen mit den Begriffen, kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig und doch höchstwichtig zugleich- dann freilich muß man von neuem unterscheiden: ob er mehr eilig oder mehr wichtig. - Ich bitte, meine Herrn,verstehn Sie mich richtig! Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden die species facti, wie billig, sofort, find‘t sich der Fall mehr eilig als liegend. Ist aber das Wichtige überwiegend, wäre die Eile am unrechten Ort.

Meine Herren, Sie haben nun die Prämissen. Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

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Illustration zu Ratskollegium

Interpretation

Das Gedicht "Ratskollegium" von Joseph von Eichendorff ist eine satirische Betrachtung der Bürokratie und der Ineffizienz von Ratsversammlungen. Der Sprecher, vermutlich ein Ratsherr, beginnt mit einer höflichen Einladung an seine Kollegen, sich vor der Sitzung Gedanken darüber zu machen, ob sie sofort mit der Beratung beginnen oder zuerst die Tagesordnung aufstellen sollen. Dies deutet auf eine Neigung zur Verzögerung und Verschleppung hin. Der Sprecher erklärt dann die verschiedenen Arten von Geschäften, die zu erledigen sind: eilige und langweilige. Er erwähnt, dass er bei eiligen Angelegenheiten schnell handelt, während er bei langweiligen Angelegenheiten zögert. Die langweiligen Angelegenheiten werden weiter in wichtige und höchstwichtige unterteilt. Bei wichtigen Angelegenheiten wird nach amtlichem Überlegen gehandelt, während bei höchstwichtigen Angelegenheiten möglicherweise eine schnellere Reaktion erforderlich ist. Der Sprecher betont die Notwendigkeit, zwischen Eile und Wichtigkeit abzuwägen, und fordert seine Kollegen auf, den richtigen Kurs zu wählen. Er schließt mit den Worten, dass sie nun die Prämissen haben und den Beschluss finden werden. Dies deutet darauf hin, dass die eigentliche Entscheidungsfindung noch bevorsteht und dass die Diskussion möglicherweise noch lange dauern wird. Insgesamt kritisiert das Gedicht die Ineffizienz und die Neigung zur Verzögerung in bürokratischen Prozessen. Es zeigt auf, wie wichtig es ist, Prioritäten zu setzen und schnell zu handeln, wenn es darauf ankommt.

Schlüsselwörter

eilig mehr geehrte heute raten erst wissen muß

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Bevor wir uns heute aufs Raten legen, bitt‘ ich, erst reiflich zu erwägen, ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen, heut sogleich mit dem Raten beginnen, oder ob wir erst proponieren müssen, was uns versammelt und was wir alle wissen?
Chiasmus
Die einen sind die eiligen, die anderen die langweiligen.
Ironie
Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden die species facti, wie billig, sofort, find‘t sich der Fall mehr eilig als liegend.
Rhetorische Frage
Hochweiser Rat, geehrte Kollegen! Bevor wir uns heute aufs Raten legen, bitt‘ ich, erst reiflich zu erwägen, ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen, heut sogleich mit dem Raten beginnen, oder ob wir erst proponieren müssen, was uns versammelt und was wir alle wissen?
Wiederholung
Die einen sind die eiligen, die anderen die langweiligen.
Wortspiel
Auf jene pfleg‘ ich cito zu schreiben, die anderen können liegen bleiben.